Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 13.06.2018


Oper

Staubiger Zombie-Ball

im deutschen Opernwald

Szenischer Blattschuss für Webers „Freischütz“ an Wiener Staatsoper.

© APA/StaatsoperErlösung aus dem Luster: Der Eremit (Albert Dohmen, oben) gönnt dem Jägersburschen Max (Andreas Schager) ein Jahr Probezeit.



Von Stefan Musil

Wien – Der Schütze steht im Operntitel. Und der Freischütz steht diesmal auch im Zentrum der Neuproduktion von Carl Maria von Webers Romantik-Klassiker an der Wiener Staatsoper. Andreas Schager singt ihn. Der Niederösterreicher ist der derzeit wohl begehrteste Tenor im deutschen Helden-Fach. Nach Jahren im Operetten-Tournee-Bus stieg er 2013 kometenhaft in Berlin als Siegfried in den Opernhimmel. Seither reißt man sich weltweit um ihn. Auch Wien hat ihn jetzt bekommen. Der Max ist erst seine zweite Rolle hier. Eine Partie, die bis auf die Arie „Durch die Wälder, durch die Aue“ und die Wolfsschlucht-Szene, wo Max sich dem Teufel ausliefert, indem er Freikugeln gießt, um Agathe beim Wettschießen als Braut erringen zu können, nicht sehr üppig bedacht ist. Schager übererfüllt diesen Max dennoch mit der vollen Kraft seines Prachttenors. Dafür wird er als Held des Abends ausgiebig laut bejubelt.

Jetzt könnte man einwenden, dass der Max auch seine brüchigen, leisen Seiten hat, nicht nur tenoraler Strahlemann und Kraftlackel ist. Aber das wäre vermessen, denn der Rest des Abends bietet, ausgenommen der ausgezeichnet gesungenen Agathe von Camilla Nylund, nicht viel Anlass zur Freude.

Regisseur Christian Räth bekommt das mit einem Buh-Orkan am Ende zu spüren. Er stellt Max ins Zentrum und macht aus der romantischen Oper ein Künstlerdrama. Max schreibt als Alter Ego von Carl Maria von Weber schon während der Ouvertüre sich seine Oper selbst. Das ist kein neuer Einfall und einer, der hier nicht funktioniert, in den sich Räth verrennt, ohne dass er ihn szenisch auch nur eine Minute glaubhaft werden lässt. Man erlebt einen seltsamen Zombie-Ball in erstaunlich altmodischer Ausstattung (Gary MacCann). Der deutsche Wald geht in unpassenden und unlogischen Ideen unter. Man sieht in einem Tunnel aus Gittern viele rätselhafte Bilder, dunkle Raben wandern durch die Wolfsschlucht, dann brennt das Klavier von Max ab. Da kann sich die tapfere Daniela Fally, die als Ännchen ein kecker Pierrot mit Bubikopf sein muss, noch so mühen, Albert Dohmen im Kronleuchter hängend den Eremiten orgeln und der Chor viel Einsatz zeigen. Dem Abend fehlt mit dem schwächelnden Alan Held als Caspar der Bösewicht und mit dem brav dirigierenden Tomáš Netopil auch ein Gestalter, um wenigstens gesamtmusikalisch überm Durchschnitt zu sein.




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