Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 18.06.2018


Musik

Rock-Oma Nena: „Seid ihr müde?“

Zum 40. Bühnenjubiläum machte Musik-Ikone Nena auch in Telfs Station. Die Sängerin, die die 80er aufmischte, zeigte, dass ihre Hits auch die nächste Generation erreichen und sie die beste Kondition hat.

© Thomas BöhmNena begeisterte am Samstag bei ihrem Konzert in der Telfer Kuppelarena rund 3000 Fans.



Von Alexandra Plank

Innsbruck – Älterwerden hat Vorteile. Der Samstag ist so durchgetaktet, dass man keine Zeit hat, vor dem Konzert wie in Teeniezeiten stundenlang das brutal-geniale Outfit durch Durchprobieren des gesamten Schrankinhalts zu suchen. Die Erfindung der Stretch-Hosen erspart die peinliche Prozedur, nur mithilfe von Freundinnen auf dem Boden liegend den Reißverschluss der hautengen Jeans schließen zu können. Und das Beste: Beim finalen Blick in den Spiegel poppt kein Wimmerl auf.

Die Telfer Kuppelarena erweist sich beim Nena-Konzert als gut gefüllt, einerseits ist man nicht die Älteste, andererseits sind auch viele Jüngere und Kinder da. Chris Jagger, ja das ist der Bruder von Rolling-Stones-Sänger Mick Jagger, bringt die Zuschauer mit Variationen aus Folk und Country auf Betriebstemperatur. Eine Percussion-Session wie weiland bei Stomp leitet den Auftritt von Nena ein. Das Fräuleinwunder der 80er-Jahre ist physisch zwar klein, musikalisch aber ganz groß. Nena will Party, Nena will Stimmung, das macht sie von der ersten Sekunde an klar. Die deutsche Musik-Ikone reißt die Arme in die Höhe. Mitklatschen, Mitsingen, Mithüpfen ist Pflicht – Nonstop von 21 bis weit nach 23 Uhr. Die Großmutter hat ein Herz für Kinder. Sie dürfen ganz nach vorne zur Bühne und bekommen Ohrstöpsel.

Das Konzert ist ein gut abgestimmter Mix aus Achtzigerjahre-Songs und aktuelleren Nummern. Eines der ersten Lieder, „Nur geträumt“, führt zum Flashback. Die ersten Partys, die ersten unbeholfenen Küsse. Und die Revolution des eigenen Musikgeschmacks: nach dem Absingen von Ambros- und Fendrich-Songs in Endlosschleife der erste Kontakt mit der Neuen Deutschen Welle, die verspätet nach Österreich schwappt. Alles schneller, alles schräger, fortan gilt das Motto: „Ich will Spaß, ich geb’ Gas!“

Nenas Single „Nur geträumt“ verkaufte sich 1982 am Tag nach der Ausstrahlung angeblich 40.000 Mal – und machte Nena mit 22 Jahren schlagartig zum Star. Mit „99 Luftballons“ landete sie im Jahr darauf weltweit an der Spitze der Charts. Der Text war eine politische Ansage, er prangerte die letzte Phase des Kalten Krieges in den 80ern in Deutschland an. Die meisten Fans waren weniger politisch. Eines der großen Missverständnisse über die 80er besteht darin, diese Zeit sei so sorgenfrei gewesen. Doch die Periode war global gesehen, beunruhigend: Kalter Krieg, Waldsterben und Tschernobyl. Die Jugendlichen reagierten darauf mit Party. Schließlich waren sie ja unbesiegbar jung. Nena war Kult, weniger wegen des kritischen Inhalts von „99 Luftballons“, sondern, weil man zum Song so richtig abgehen konnte. Nena ist Rhythmus pur. Das war immer so und gilt auch heute noch. Ihr Bravo-Poster in Lebensgröße hing in nahezu jedem Jugendzimmer. Gabriele Susanne Kerner alias Nena setzte mit knallbuntem Minirock, Stirnband und wirrem Haarschopf auch modische Trends. Inte­ressanterweise waren in Telfs kaum Nostalgie-Outfits zu sehen.

1987 löste sich die Band auf, das zierliche Energiebündel machte als Solokünstlerin weiter. Sie trat einen Schritt zurück, um dann mit Anlauf wieder ins Scheinwerferlicht zu drängen. 2003 gelang ihr mit neuen Versionen ihrer einstigen Hits ein furioses Comeback. Das Album „Nena feat. Nena“ wurde ein ebenso großer Erfolg wie das folgende „Willst du mit mir gehn“ von 2005, auf dem sie sich mit neuen Kompositionen lebenserfahren und nachdenklicher präsentierte. In Telfs wird klar, dass Nena auch bei den Jüngeren nicht von gestern ist. Mit Verwunderung konstatiert sie, dass nicht nur alte Songs beim Publikum ankommen: „Seid ihre alle 1000 Jahre jünger als ich oder was?“, will sie wissen. Sie spiele einen Ur-Nena-Song, jeder müsse eigentlich textsicher sein. „Ihr seid die nächste Generation, das ist schön“, erklärt sie, als die Abfrage der Veteranen per Handzeichen zeigt, dass diese zwar die Mehrheit stellen, aber durchaus Nachwuchs vorhanden ist.

Als Vorgruppe hatte sie sich Chris Jagger mit Band eingeladen, der viel mehr ist als der Bruder von Rockstar Mick.
- Thomas Böhm

Schön sind vor allem Ne­nas Liebeslieder und von denen gibt es satt. Die Rock-Oma, im 21. Jahrhundert angekommen, fordert das Publikum auf, die Handy-Lichter einzuschalten. Doch es gibt auch analoge Zeichen: Ich schwöre, zehn Reihen vor mir schwenkt eine Frau ein Feuerzeug. Von „Wunder gescheh’n“, ihrem ersten Soloalbum (1989), über die Liebeshymne „Leuchtturm“ bis hin zu „Liebe ist“ (2005) beschwört die Sängerin große Gefühle. Zum krönenden Abschluss rockt Nena, die zur Hälfte des Konzerts plötzlich auf einem „kleinen Hügel“ (so Nena ironisch) inmitten der Fans auftaucht, zu „99 Luftballons“ und lässt Riesenballons mit „Love“-Aufdruck fliegen. Die Optimistin ändert den Text – „Seh’ die Welt NICHT in Trümmern liegen“ – und mixt „Hey Jude“ hinein. Dann geht sie, um wiederzukommen. Und ruft ins Publikum: „Seid ihr müde?“ Sie ist es definitiv nicht. Viele Zugaben serviert sie den begeisterten Fans. Darunter „Genau jetzt“. Aus Hunderten Kehlen erklingt der eingängige Text: „Vielleicht ist es zu früh, vielleicht ist es zu spät, vielleicht ist es genau jetzt. Genau jetzt.“

Das Carpe-diem-Gesumse haben wir ja an sich satt. Nur Nena darf uns erinnern, dass es nichts Wahrhaftigeres gibt als den Augenblick.