Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 21.06.2018


Musik

Die „Red Flag“ weht nach wie vor

Festivalstimmung in der Halle: „Billy Talent“ brachten in der Innsbrucker Music Hall ein Konzert mit Mitgrölgarantie über die Bühne.

© TT/Julia HammerleZum Auftritt der Kanadier gehört auch eine gebrandete Bühne. Die Jungs selbst treten nur in Rot-Schwarz auf.Foto: Julia Hammerle



Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Es muss schon ein ziemlich großer Anlass gefunden werden, um eine Horde junger Menschen mitten in der Festivalzeit in eine Konzerthalle zu locken. Zwischen Nova Rock und einem Gig in Zürich bot sich hierfür Billy Talent an, die mal eben 1300 Besucher am Dienstag in die Music Hall lockten. Die Kanadier sind immer wieder gerne gesehene Acts auf diversen heimischen Festivalbühnen, in Innsbruck allerdings gastierten sie zum ersten Mal. „How stupid is that?“, stellt Sänger Benjamin Kowalewicz fest.

Der inzwischen über Vierzigjährige freut sich über die vielen jungen Fans, die „next generation“, die noch die Möglichkeit habe, alles besser zu machen. Anzuprangern wäre höchstens die fehlende „Aircondition“: Denn Billy Talent heizt die Halle auf. Geradlinig, präzise, hart sind wohl die zutreffendsten Beschreibungen für die Live-Performance. Ein Stil, der sich seit den Anfängen nicht verändert hat.

Nach etlichen Bandwettbewerben fand Billy Talent 2003 schon auf der ersten Platte („Billy Talent“) bei einem Major-Label zu ihrem besonderen Ausdruck. Mit einem Progressive Rock, der sich stilistisch zwischen den Foo Fighters und Rise Against einordnet, hielt Billy Talent Mitte der Nullerjahre Einzug in den Mainstream. Besonders die zweite LP, „Billy Talent II“ (2006), prägte die Zeit.

Und liefert zwölf Jahre später immer noch Hits, an denen sich das Publikum doch überraschenderweise nicht sattgehört hat. Billy Talent funktionieren wie zu ihren Hochzeiten – wenn schon nicht im Verkauf, so doch live.

Das zeigt sich schon beim Opener „Devil In A Midnight Mass“, der die gerade von den deutschen Punkrockern Itchy aufgewärmten Tanzwütigen genau dort abholt, wo sie von der Vorband abgesetzt wurden. Ein schnelles, hartes Set folgt, das an einigen Stellen schon in Richtung Hardcore kippt. Durchatmen lässt sich erst ab Song Nummer vier „The Dead Can’t Testify“ der etwas abgehangeneren Platte „Billy Talent III“ (2009).

Das Publikum erfreut sich an den simplen Punk-Melodien (mitsamt den legendären zweistimmigen Bridges), die um satte Gitarrenriffs und eine treibenden Bassline erweitert werden. Gitarrist und Songwriter Ian D’Sa bringt mit seinem virtuosen und doch klaren Spiel Vielfalt in die Tracks; eine Abwechslung, die über den Gesang von Kowalewicz nicht herüberkommt: Manche Melodien sind gar so hoch angesetzt, dass ihm live die Stimme bricht.

Richtig sympathisch wird einem die Combo, als sie ihr viertes Gründungsmitglied, Drummer Aaron Solowoniuk, auf die Bühne holt – der an Multiple Sklerose leidende Solowoniuk wird seit 2016 live von Jordan Hastings ersetzt. Die getragenen Nummern „Rusted From The Rain“ und „Surrender“ übernimmt Solowoniuk selbst. Mit Hastings zurück an den Drums, wird ein finales Set mit zwei neuen Songs (gewohnt mit offener Kritik an der Politik) und einem Sample der besten Songs der letzten Alben eingeläutet: „Afraid Of Hights“, „Surprise, Surprise“ und schließlich „Devil On My Shoulder“ beenden den Gig offiziell.

Bis zur Zugabe, wo die Kanadier nochmal tief in die Trickkiste greifen und nach „Viking Death March“ das große „Red Flag“ und „Fallen Leaves“ der 2006er-Erfolgsplatte auspacken. Und sich somit als bejubelte Gewinner verabschieden. Billy Talent sind eben effizient. Das bringt auch in der „next generation“ noch zahlreiche Fans zum Mitgrölen. Egal ob Halle oder Festival.