Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 28.06.2018


Innsbruck

Tiroler Symphonieorchester: Sie wollen keinen bequemen Chef

Das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck sucht einen fähigen neuen Chefdirigenten. Drei Bewerber sind in der Schlussrunde. Bis Ende nächster Woche soll die Entscheidung fallen.

© iStockphotoSymbolfoto.



Von Ursula Strohal

Innsbruck – „Es war eine Luxussaison, was gutes Niveau und Abwechslung betrifft“, strahlte Solofagottistin Kerstin Siepmann nach dem fulminanten Juni-Konzert des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck (TSOI) unter der Leitung des Letten Andris Poga. Es war in der Tat eine spannende Saison, vor allem, was die Dirigenten betraf. Denn bekanntlich ist das Orchester auf der Suche nach einem Chefdirigenten für Konzert und Musiktheater und spielte mehr als eine Saison lang unter potenziellen Kandidaten. Dass die oberste künstlerische Instanz, Landestheater-Intendant Johannes Reitmeier, die Musiker und Musikerinnen in direkter Demokratie in den Entscheidungsprozess mit einbezieht, ist keineswegs so üblich wie logisch und wird vom Ensemble gewürdigt. Die Musiker stimmten über jeden Dirigenten online anonym ab. Die Kriterien: Qualität und Cheftauglichkeit.

Das Ergebnis der Abstimmung bildet nun in diesen Tagen der Verhandlungen die Basis zur Entscheidung, die Reitmeier noch bis Ende der Spielzeit (8. Juli) erreichen möchte. Orchesterleiter Alexander Rainer hat zu tun. Drei Bewerber liegen eng beieinander an der Spitze, die Namen werden nicht bekannt gegeben. Zwei unter allen Dirigenten, die allerdings bereits gebunden sind, haben ihr Interesse an einer weiteren Zusammenarbeit mit dem TSOI bekundet: Ainars Rubikis, ab der kommenden Spielzeit 2018/19 Generalmusikdirektor an der Komischen Oper Berlin, sowie Andris Poga, Chefdirigent des Lettischen Nationalorchesters in Riga.

Wesentlich ist, wie viel Zeit ein Dirigent zur Verfügung stellt bzw. stellen kann. Prominente Dirigenten sind oft mehrfach an Orchester gebunden und die Frage liegt nahe, ob auch Innsbruck bereit wäre, mit einem anderen Orchester zu teilen. Besteht auch die Möglichkeit, die Position in einen Opernchef und einen Orchesterchef mit Konzertverantwortung zu splitten? Reitmeier: „Beide Optionen liegen auf dem Tisch, die Position zu teilen wäre möglich, wenn es darum geht, einen Kandidaten nicht zu verlieren, weil man den zeitlichen Aufwand zu hoch ansetzt. Dass Dirigenten mehrere Orchester führen, ist alltäglich. Wenn ein Dirigent in repräsentativer Position sich zusätzlich für uns interessiert, heißt das nicht, etwas zu billigen, ich sehe es als Auszeichnung. Das TSOI wäre es mir wert. Wir streben eine Lösung an, die ausschließlich mit dem Orchester akkordiert.“

Peter Polzer, Betriebsrat-Vorsitzender, stimmt mit Kollegin Siepmann überein, die Saison war eine Bereicherung, brachte viele Impulse und neue Zugänge. Nun müsse man terminlich vernünftig sehen, wie weit die Kandidaten für langfristige Planung zur Verfügung stehen. Orchesterleiter Rainer hatte auf seiner Liste ursprünglich mehr als 50 Kandidaten, über die ein Gremium diskutierte. „Jetzt ist die Wahl Interpretationssache.“ Als ehemaliger Soloflötist und langjähriger Orchesterleiter kennt er die Szene und Trends. „Junge Dirigenten wollen Freiheit, gastieren, und sich nicht mehr so sehr an einen Ort binden. Der Markt hat sich verändert.“ Er schildert den Zeitaufwand: „Der TSOI-Chef dirigiert in Innsbruck zwei Opern und vier Konzerte, wobei das vierte flexibel sein kann, also z. B. auch das Neujahrs- oder ein Klangspuren-Konzert. Die Proben für die Konzerte laufen je eine Woche, für die Opern je mindestens sechs Wochen.“ Bemerkenswert: „Die Erwartungshaltung bei den Musikern ist höher geworden. Sie wollen einen fähigen und keinen bequemen Dirigenten.“

Es sind außer den bereits genannten noch viele Komponenten, die eine so wichtige Dirigentenwahl beeinflussen. Was hat er zu bieten, was wird ihm geboten? Ist er gut im Konzert, aber unerfahren in der Oper? Künstlerisch imposant, aber ungeeignet als Chef? Sind Interessen und Termine kompatibel? Will er nach Tirol? Wählt man einen Shootingstar oder einen erfahrenen Orchestererzieher? Reitmeier: „Alle unsere Avisierten sind aufstrebend. Wenn die Chemie stimmt, wird er das Orchester weiterbringen.“




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