Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 16.07.2018


Musik

Neues Drake-Album: 90 Minuten ohne Plan

Drakes neues Album bringt neben Rekordmeldungen nicht viel Innovatives hervor. Abgesehen von der Hitsingle „Gods Plan“ plätschern die Songs einfach planlos dahin.

© imago stock&peopleDrake hat aktuell mehr Singles zugleich in den Charts als die Beatles 1964, damals immerhin fünf.Foto: Imago



Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Dreihundert Millionen Klicks in 24 Stunden. Eine Milliarde Aufrufe in einer Woche. Mit sämtlichen Songs des Albums in den Billboard-100-Charts, mit sieben Songs in den Top-Ten-Charts. Die Rekordmeldungen zum Album „Scorpion“ sind nicht weniger als spektakulär. Wieder einmal blickt die Musikwelt über den großen Teich: Urheber des Wirbels ist Kanadas Exportschlager Drake.

Einer der angesagtesten Rapper überhaupt. Und obwohl schon seit rund zehn Jahren als Musiker aktiv, noch nicht ganz so lange im Besitz eines Plattenvertrags. Drake gab schon Konzerte vor Zehntausenden Fans, ohne überhaupt einen offiziellen Release auf seiner To-do-Liste abgehakt zu haben. Er schmiedete lieber langwierige Pläne für seine Karriere. Und ließ sich tatkräftig unterstützen: einerseits von den exzellenten Kontakten des Vaters, der als Drummer unter anderem für Jerry Lee Lewis den Rock’n’Roll-Rhythmus vorgab, und andererseits von Rap-Kollegen. Allen voran Lil Wayne, der ihn schließlich unter Vertrag nahm. Den Vertrieb organisierte das Majorlabel Interscope. Der schillernde Anfang einer Erfolgsstory, 2013 winkte für „Take Care“ bereits der Grammy für das „Beste Rap-Album“.

Daraufhin veröffentlicht Drake im Zweijahrestakt seine Longplayer. Der Rapper hat viel zu erzählen, sein fünftes Studioalbum „Scorpion“ überschwemmt seine Fans gar mit 25 Songs und über 90 Minuten Drake-Sound.

Dass in der Kürze die Würze liegt (Kanye Wests „yet“ und auch dessen aktuelle Scheibe mit Kids See Ghosts umfasst gerade mal sieben Tracks), ignoriert Drake im Rückblick auf die letzten Alben konsequent. Unter 18 Stücken kommt der ambitionierte Rapper kaum aus. Immerhin ist das aktuelle „Scorpion“ in mundgerechte Stücke geschnitten. Und stellt damit ein fast klassisches Doppelalbum dar, das sich auch genretechnisch in zwei Hälften teilt: Ist der Beginn noch Hip-Hop-lastig, driftet die B-Seite in den Soul ab. Der Afro­beat hingegen, der noch auf der LP „Views“ (2016) zu hören war und der dem Musiker einen seiner größten Hits, „One Dance“, verschaffte, wurde aktuell eher ausgespart.

Der Soulcharakter der B-Seite fordert dafür den Sänger Drake heraus. Der Sound des Albums bleibt dem Trap, diesem Subgenre des Hip-Hop, treu, der basslastig und mit schleppenden Bassdrums daherkommt. Mit gedämpfter Geschwindigkeit und gewohnter Drake-Melancholie in der Stimme ist es immerhin auch als Nicht-Muttersprachler einfach, den Lyrics des Hip- Hoppers zu folgen.

Inhaltlich greift der Rapper in „Scorpion“ tief in die Trickkiste. Nicht mehr alle Songs behandeln seinen hedonistischen Lifestyle, es schwappt auch tiefe Emotionalität herüber, gerade wenn es um seinen (bisher versteckt gehaltenen) Sohn geht. Auch wenn die Erkenntnis „I wasn’t hidin’ my kid from the world, I was hidin’ the world from my kid“ im Song „Emotionless“ nicht gerade erleuchtend ist. Da ist das Getuschel darum, wer die Vaterschaft von Drake enttarnt hat, unterhaltsamer.

So bleibt das Album alles in allem eintönig, immer wieder verpasst man beim Zuhören den Anschluss. „Gods Plan“ und „I’m Upset“, die bereits vor Album-Release überall abgefeierten Single-Auskopplungen, überzeugen mit eingängigen Motiven. Die angekündigten Zusammenarbeiten aber, etwa mit Jay-Z („Talk Up“) oder das Sample „Don’t Matter To Me“, bei dem Michael Jackson aus dem Jenseits die Hookline schmettert, haben zu wenig Charakter. Alles in allem wäre bei diesem Album weniger einfach mehr gewesen.

Und bei allem Wirbel um Rekorde, konkrete Zahlen sind eben gute Schlagzeilen. Dass Musik heute aber in einer Art und Weise verfügbar ist, die es bei den Beatles, deren Rekord Drake vor Kurzem brach, noch nicht gab, hat bei schreierischen Eilmeldungen um Rekorde kaum noch Platz. Ähnlich kritisch sollte man Drakes Erfolg auf Streaming-Plattformen sehen; immerhin präsentierte er „Scorpion“ doch in Kooperation mit Spotify. Der Kanadier war auf der Plattform derart omnipräsent, dass sich Nutzer, die ihre Werbefreiheit teuer erkauft hatten, doch ob der zahlreichen Werbebanner wundern mussten.

Hip-Hop Drake: Scorpion. Young Money Entertainment




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