Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 18.07.2018


Bezirk Kufstein

Der Operettensommer startet mit Tiefgang

Noch probt das Operettensommer-Ensemble in Wien, doch bereits am 3. August feiert „Anatevka“ Premiere auf der Kufsteiner Festung. Ein Stück, das nicht nur Ohrwürmer, sondern auch Tiefgang verspricht.

© Jasmine HrdinaVon links: „Wachtmeister“ Georg Anker, Künstlerischer Leiter Sascha Nader, Monika Baumgartner als Golde, Dirigent Gerrit Prießnitz, Regisseur Diethmar Straßer, Gerold Pichowetz als Tevje und „Rabbi“ Herbert Oberhofer trafen sich zu ersten Proben in Wien.



Von Jasmine Hrdina

Wien – Die U6 rattert über unseren Köpfen hinweg, die Schweißperlen auf der Stirn demonstrieren, was „Sommer in der Großstadt“ bedeutet, und durch das offene Fenster schallt das Wiener Leben. Die Schauspieler aber lassen sich nicht aus der Ruhe bringen, sie sind in Gedanken in „Anatevka“, dem fiktiven jüdischen Dorf aus dem gleichnamigen Musical. Seit 1. Juli probt das Ensemble in Wien – Anfang August stehen sie beim Operettensommer auf der Bühne der Kufsteiner Festungsarena.

Bedroht von einem Pogrom durch die russische Staatsmacht kämpft ein jüdisches Dorf mit seinem Dasein zwischen gepflegter Tradition und einem Aufbruch zu neuen Ufern. Inmitten der tragischen Ereignisse sieht sich Milchmann Tevje noch dazu verpflichtet, seine drei Töchter zu verheiraten – doch die junge Generation hat, wie sollte es anders sein, ihre eigenen Pläne. „Das Besondere am Stück ist, dass man vieles, was Tevje und seine Familie bewegt, aus persönlichen Erlebnissen kennt“, zeigt sich Regisseur Diethmar Straßer begeistert. Tragödie trifft auf jüdischen Humor, so viel sei verraten. „Das ist besonders reizvoll“, meint Monika Baumgartner. Die bayerische Schauspielerin begeisterte bereits im letzten Jahr beim Zigeunerbaron als Maria Theresia das Kufsteiner Publikum und spielt heuer als Golde an der Seite von „Theatermacher“ Gerald Pichowetz, der den Tevje gibt. „Die Themen sind total aktuell, auch wenn das Stück zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielt: Menschen flüchten und müssen ihre Heimat verlassen, die Tradition fängt durch die Jugend an zu bröckeln“, meint Baumgartner bei den Proben in der Wiener Volksoper. In wenigen Tagen schon werden diese auf die Festung verlegt, erstmals treffen Darsteller und Orchester dann aufei­nander. Ein spannender Moment, schließlich sind viele der Rollen nicht mit ausgebildeten Sängern, sondern mit Schauspielern besetzt. „Ich hab noch nie in meinem Leben gesungen und bin schon ein bisschen verzweifelt“, meint Baumgartner. Voller Enthusiasmus ist hingegen ihr Kollege Picho­wetz. Beim Operettensommer schlüpfte der gesangserfahrene Darsteller bereits in die Rolle des Regisseurs (Vogelhändler, Zigeunerbaron) und freut sich nun auf die Musical-Bühne: „Ich bin sehr glücklich, das ist ein neues Genre für mich. Die meisten kennen mich von meiner spaßigen Seite und diesmal spiele ich eine Charakterrolle“, so Pichowetz.

Tevje (l.) ist nicht erfreut: Tochter Zeitel (Hanna Kastner) wählt den armen Schneider Mottel (Wolfgang Resch) als ihren Bräutigam.
- Jasmine Hrdina

„Ich habe vollstes Vertrauen in alle Darsteller“, schickt Sascha Nader voraus. Der Wiener übernimmt seit heuer die künstlerische Leitung des Operettensommers und verspricht – für das Ohrwurm-Operetten gewohnte Kufstein – ungewöhnlichen Tiefgang. Damit begibt er sich – passend zum Stück – selber auf eine Gratwanderung zwischen Altbewährtem und Neuem: „Ich möchte Gutes erhalten, Inte­ressantes bringen und auch die Tradition der Vergangenheit fortführen“, sagt Nader, der neben Publikumslieblingen immer wieder neue Gesichter ins Rampenlicht setzen will.

„Tradition ist etwas Lebendiges“, ist Straßer überzeugt. Das wird auch in „Anatevka“ klar. „So zu tun, wie es vor Hunderten Jahren war, ist nicht Tradition. Sie muss immer aus dem Heute gelebt werde. Das hat auch Tevje bis zu einem gewissen Grad verstanden“, verrät der Regisseur über das Ende des Stücks.

Auch Hodel (Maria Ladurner, 2. v. l.) hört nicht auf ihren Vater, sondern auf ihr Herz, das für den Studenten Perchik (Georg Klimbacher, l.) schlägt.
- Jasmine Hrdina

Was aber bleibt von Tradition und Heimat? „Den Begriff ‚Heimat‘ hat man in den letzten Jahren sehr strapaziert und ihm einen ‚Nazi-Mief‘ angehängt – alles Blödsinn. Heimat ist etwas, das jeder für sich selber bestimmt“, sagt Pichowetz und verspricht für das Musical „ein lachendes, ein weinendes Auge – und etwas für die Ohren“. Letzteres dürfte nicht zuletzt das Kult-Lied „Wenn ich einmal reich wär“ liefern. Weltberühmt und unzählige Male in Film- und Musikwelt zitiert (von der Sesamstraße bis Gwen Stefani), dürfte es auch in Kufstein die Besucher gut gelaunt von der Festung tänzeln lassen. Aber was wäre wirklich, wenn ...? „Mit zunehmendem Alter merkt man, dass oft einmal Gesundheit der größte Reichtum ist, den man hat“, sagt Pichowetz und gönnt sich erstmal eine Pause von den Proben.