Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 19.07.2018


Musik

Handy-Filmer bei Konzerten: Verbot im Gespräch

Bands und Sänger sind verärgert: Statt in der Musik verlieren sich immer mehr Konzertbesucher in der Welt ihres Smartphones. Taschen, Apps oder Ansagen sollen jetzt für handyfreie Unterhaltung sorgen.

© Getty Images/iStockphotoDie Handys zum Himmel: Auf Konzerten bietet sich das immer gleiche Bild, statt auf die Bühne starrt das Publikum nur auf die Handybildschirme.



Von Philipp Schwartze

Das Problem: „Packt's die Scheiß-Handys weg, oida", rief Marco Wanda beim Konzert der gleichnamigen österreichischen Band zuletzt in der Wiener Stadthalle. Musiker haben langsam die Schnauze voll von filmenden Konzertbesuchern, die pausenlos die Handys in die Höhe strecken und die Darbietungen nur noch durch ihre Handybildschirme wahrnehmen.

Das Handy wird in der Tasche mit Magnetpin eingeschlossen.
- Yondr

Mit den heutigen Smartphones sind immer bessere Videos und Filme möglich. Über Facebook, Instagram und WhatsApp wird das Erlebnis nahezu in Echtzeit mit Followern, Familie und Freunden geteilt. „Das ist nicht der Wunsch der Künstler", sagt Peter Lindner von der Eventagentur Lindner Music.

„Man merkt das immer mehr, weil es immer mehr machen. Das wirkt sich auf die Stimmung aus, man hat das Gefühl, Menschen genießen das Gefilmte weniger oder erst im Nachhinein", sagt er. Backstage machen einige Künstler dann mit Sätzen wie „Heute haben wieder alle ihre Handys draußen" ihrem Frust Luft.

Die Verbreitung: Das Smartphone-Phänomen ist keine länderspezifische Sache, man sieht es bei Konzerten rund um den Globus. Unterschiede gibt es beim Alter und der Größe der Veranstaltung. „Dieses Verhalten ist besonders auf Open-Air-Veranstaltungen, bei uns etwa auf der Festung Kufstein oder dem Schwazer Stadtplatz, zu sehen", sagt Lindner. Auch ist es ein Massenphänomen, in kleineren Sälen ist es laut Lindner seltener.

Hubert Malleier von der Schwazer Agentur Starmaker kennt das Problem, kann es für Konzerte von Andreas Gabalier oder den Kastelruther Spatzen aber nicht bestätigen. „Bei Andreas kommen die Leute, um Andreas zu sehen", meint er. Das Publikum der Kastelruther Spatzen hingegen ist älter und gehört nicht zur „Generation Smartphone". Kein Problem sieht Ramona Ritter vom Innsbrucker Veranstalter Show-Factory. „Beschwerden hatten wir bis dato nicht, viele Künstler fordern sogar auf, Fotos mit einem Hashtag zum Konzert zu posten. Es ist eine Möglichkeit, auf Shows aufmerksam zu machen", sagt sie. Von Verboten hält sie nichts.

Die Kritiker: Doch nicht nur Wanda, auch Oasis-Sänger Liam Gallagher will Handys auf Konzerten verbieten lassen, Bruno Mars weigert sich, „vor einer Wand aus Telefonen" zu singen. Depeche-Mode-Frontmann Dave Gahan nerven die Handys genauso wie Superstar Adele. Sie bat in einem — welch Ironie — im Internet aufgetauchten Konzertvideo eine Besucherin, umgehend mit dem Filmen aufzuhören.

Die Taschen-Lösung: Ernst machen jetzt die Band Guns N' Roses und der US-Musiker Jack White. Auf der aktuellen Tournee von White sind Handys während der Show verboten. Sie müssen nicht am Eingang abgegeben werden, sondern kommen in die Spezial-Handytasche des US-amerikanischen Silicon-Valley-Start-ups Yondr. „Be here now" (Etwa: Sei jetzt hier) lautet deren Slogan.

„Wir schaffen handyfreie Zonen — im Konzert, in Schulen — überall wo das sinnvoll sein kann", erklärte Gründer Graham Dugoni. Die Smartphones (oder auch Smart-Watches) werden in der Yondr-Handytasche mit einem Magnetverschluss „eingesperrt". Wer zwischendurch telefonieren will, muss den Saal verlassen. Nur mit einem Magneten lässt sich die Hülle wieder aufsperren.

Die App-Lösung: Andere Wege geht das „Montreux Jazz Festival". Über eine kostenlose App können die Besucher die letzten 30 Sekunden der offiziellen Video-Aufnahmen per Knopfdruck versenden oder auf Social-Media-Seiten teilen. Damit will man mit der App namens „Cuts" einerseits den Konzertgängern die Möglichkeit geben, ihr Erlebnis zu teilen, andererseits diese aber dazu bewegen, ihre Handys nicht in die Höhe zu strecken.

Die Aufklär-Lösung: Von Verboten und Regulierungen halten weder Lindner noch Malleier etwas. „Man sollte Bewusstsein schaffen, sagen: Lassen wir die Handys bei Konzerten in der Tasche", sagt Letzterer. Außer natürlich, die Künstler bitten um Tausende zur Musik schwenkende Lichter im Publikum, wo das Handy als Feuerzeug-Ersatz fungiert.

„Mal ein Selfie oder ein Bühnenbild ist okay", meint Malleier, für den die Smartphone-Sucht in vielen anderen Lebensbereichen nun eben auch auf die Konzertplätze überschwappt.

Auch Lindner will die Besucher nicht bevormunden, sondern denkt über Ansagen oder Hinweise nach. „Das ist die einfachste Sache, die man machen kann. Den Leuten vor dem Konzert über Mikrofon oder Zettel erklären, dass Handys stören." Damit am Ende wieder eine Verbindung zwischen Künstlern und Publikum entsteht und nicht zwischen Smartphones und dem Handy-Netz.