Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 07.08.2018


Salzburger Festspiele

„Pique Dame“: Der Provokateur ist brav geworden

Als Hans Neuenfels zuletzt in Salzburg inszenierte, tobte das Festspielpublikum vor Zorn. Nun kehrte er zurück. Seine „Pique Dame“ blieb szenisch zahm. Im Graben trieb Mariss Jansons die Philharmoniker zu einer Glanzleistung.

© APATodesnahe Spieler unter sich: Die große Hanna Schwarz als Gräfin und Brandon Jovanovich als Herrmann in der Salzburger "Pique Dame".



Von Joachim Leitner

Salzburg – Hans Neuenfels war vor gut 17 Jahren für den letzten richtigen Festspiel-Skandal verantwortlich. Damals, 2001, in den letzten Wochen von Gerard Mortier am Steuer des sommerlichen Festspieldampfers, unterzog Neuenfels – einer der Ahnherren dessen, was im deutschen Sprachraum als „Regietheater“ wahlweise verteufelt oder abgefeiert wird – Johann Strauss’ „Fledermaus“ einer Radikalkur: Prinz Orlofsky kokste, der Frosch motzte über die feisten Geldsäcke im Publikum, außerdem wurde viel gefummelt und gegrapscht.

So ganz verziehen hat ein (kleiner) Teil der Salzburger Premierengesellschaft dem inzwischen beinahe 77-Jährigen wohl bis heute nicht. Zumal der „Fledermaus“ im Jahr 2000 mit „Cosi fan tutte“ eine ähnlich unbequeme Mozart-Neubetrachtung vorausging.

Am Sonntagabend jedenfalls waren nach der Premiere von „Pique Dame“ zwar versprengte, aber recht vehemente Buhrufe für den Regisseur zu vernehmen. Wirklich begründet waren diese Unmutsbekundungen nicht. Und letztlich verloren sie sich im überbordenden Jubel, der vornehmlich Dirigent Mariss Jansons und den Wiener Philharmonikern zugedacht war.

Neuenfels Zugriff auf Peter Tschaikowskis 1890 uraufgeführte Oper war alles andere als rabiat. Im Gegenteil: Der Bühnen- und Bilderstürmer von einst gibt den braven Bildgestalter. Die „Pique Dame“ soll seine letzte Bühnenarbeit sein, kündigte er kürzlich an. Szenisch jedenfalls ist die Salzburger „Pique Dame“ zahm. Auf der Bühne des Großen Festspielhauses, das Bühnenbildner Christian Schmid bis auf wenige Ausnahmen in seiner Weitläufigkeit belassen hat, finden Mätzchen nur am Rande Platz. Etwa in Gestalt strickender Schafe, die sich während des pastoralen Intermezzos gehörig langweilen.

Nur ganz zu Beginn erahnt man den Provokateur früherer Jahre: Die Buben des Salzburger Festspiele und Theater Kinderchors (Einstudierung: Wolfgang Götz) lässt er in Käfigen auf die Bühne schieben; die Mädchen werden von Anstandsdamen mittels Leinen in Zaum gehalten. Ein drastisches, aber schlüssiges Bild für eine Gesellschaft, in der Zucht und Ordnung herrscht – und die selbst denen, die reich an Besitz und Einfluss sind, zum Gefängnis werden kann. Das nämlich führt Neuenfels wenig später eindrücklich vor Augen: Ein Paar – Lisa (eher blass: Evgenia Muraveva) und Fürst Jelezki (Igor Golovatenko) – bereitet sich aufs Abendessen vor. Drei Kinder werden von einer Zofe an die Tafel geführt, ein viertes, erst wenige Wochen altes trägt sie im Arm. Für Lisa wird diese trügerische Familienidylle zur dunklen Vorahnung: Das also erwartet sie, wenn sie sich für den gutbetuchten Jelezki entscheidet. Verliebt aber ist sie in einen anderen. Doch eine Beziehung mit Hermann (etwas angestrengt: Brandon Jovanovich) verhindert schon der Standesunterschied. Außerdem ist Hermann ein Spieler – und zusehends verzweifelter darum bemüht, einem Geheimnis auf die Schliche zu kommen: Die Legende, dass eine alte Gräfin jenen teuflischen Trick kennt, mit dem sich jedes Kartenspiel gewinnen lässt, hält sich beharrlich. Und dass sich die Alte, die daher den Beinamen „Pique Dame“ trägt, als Lisas Großmutter entpuppt, macht die Sache nur noch komplizierter.

So viel zum Inhalt von „Pique Dame“. Es geht, schlicht und ergreifend, um alles: um Sucht und Sehnsucht, Selbstverleugnung und Suizid, Leidenschaft und schleichenden Wahn.

Grundlage der Oper ist eine schmale Puschkin-Erzählung. Modest Tschaikowski hat sie zum Libretto ausgebaut. Aber sein Bruder Peter sträubte sich lange dagegen, dieses musikalisch umzusetzen. Als er sich doch noch daranmachte – „Pique Dame“ ist Tschaikowskis vorletzte Oper –, soll er wie im Rausch komponiert haben, die Oper geriet ihm zur ekklektischen Großtat: russische Volksweise, Schlaflieder, breite Choräle, raumgreifende Symphonik, Anklänge an Barock und Rokoko sowie Arien, Duette und Terzette von fragloser Ohrwurmqualität.

All das, so scheint es, will Hans Neuenfels vornehmlich bebildern. Die Personenführung freilich leidet bisweilen unter dieser Zurückhaltung. Oder anders: Der ansonsten um keine Interpretation verlegene Agent Provocateur nimmt sich zu Gunsten der Musik zurück.

Und die ist wahrlich die Attraktion des Abends. Mariss Jansons – die Instanz in Sachen Tschaikowski – treibt die Philharmoniker leichter Hand und doch bis ins kleinste Detail bestimmt zu einer wunderbar fließenden Glanzleistung an. Auch der von Ernst Raffelsberger einstudierte Staatsopernchor: bestechend, wenn auch bisweilen eine Spur zu wuchtig. Aus dem Ensemble ragt Igor Golovatenko als mächtig schmachtender Jelezki heraus. Auch der 75-jährigen Hanna Schwarz – einst Teil von Patrice Chéreaus Bayreuther „Jahrhundertring“ – verschaffen Neuenfels und Jansons einen großen Auftritt als greise Gräfin.




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