Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 07.08.2018


Musik

The Big Easy im Wiener Grätzl

Mit seinem neuen Album „Hurra“ erweitert Ernst Molden das Wienerlied um raues Südstaaten-Flair. Ein eigenwilliges Experiment, das gelingt.

© Daniela MatejschekNicht nur im sanften Blues, sondern auch im rauen Country fühlt sich Ernst Molden wohl.



Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Der Country ist 2018 mit dem – größtenteils gescheiterten – Versuch von Kylie Minogue („Golden“) mitten in der Popwelt angekommen. Dass es einer im gleichen Jahr mit dem Country aber auch ernst meint, beweist Ernst Molden mit seinem eben erschienenen Album. Natürlich nicht ganz zu ernst, aber doch respektvoll kommt „Hurra“ daher, eine Kompilation von zehn Coversongs, frischgefischt nahe New Orleans und nach Wien verschifft. Denn für „Hurra“ bediente sich Molden (bis auf die finale Nummer von Sigi Maron) ausschließlich an dem großen Topf US-amerikanischer Countrysongs und Traditionals. Allesamt bereits hundertfach gecovert. Neben Größen wie Bob Dylan oder Alison Krauss nun eben auch von Ernst Molden.

Der aber natürlich sein eigenes Ding daraus macht – er übersetzt die neun Nummern nicht einfach, sondern versetzt die besungenen Situationen ins Heute. Ein Coveralbum, das sich perfekt ins Molden’sche Wien einfügt und doch nicht die hinter den Songs liegenden Geschichten scheut. Bewusst wird dem Hörer das gleich beim Opener im Bluesschema: „Dea Zug“ oder im Original „This train (is bound for glory)“ geht auf die 20er-Jahre zurück. Der Gospelsong, bekannt geworden in seiner Version von Rosetta Tharpe, bleibt bei Ernst Molden ein Zug der Gerechten. Die „gamblers“ wurden zu „Wapplern“, „hypocrites“ zu „Bänkern“, „Schnepfn“ und „Wirtschaftslenkern“, auf die gerne verzichtet wird. Ein Song, der bereits Folklegende Woody Guthrie inspirierte.

Von Guthrie stammt auch der zweite Song auf Moldens Album. „Pastures of Plenty“ wird beim Wiener mit „Dei Disch deggd­ med oem“ aber zu einem völlig neuen Song: Das harte Leben eines amerikanischen Wanderarbeiters, das Guthrie in den Vierzigern besang, kann bei Molden als aktuelle Geschichte der Flucht verstanden werden. Auch wenn Molden teilweise an der wörtlichen Übersetzung hängen bleibt („Mir kemmen mitm Staub und mir gengan mitm Wind“), pflückt das Wir nun Marchfelder „Marü’n“ und nicht mehr kalifornische Pfirsiche. Eine Übertragung, die aber keinesfalls anmaßend herüberkommt. Der Respekt vor dem alten Liedgut ist in jedem Akkord zu spüren.

Eine Verbeugung macht Molden auch vor der Instrumentierung der Traditionals. Obwohl auf dem Cover – natürlich stilecht mit Südstaaten-Typografie gestaltet – der Name des Musikers prangt, schart Molden nicht weniger talentierte Kollegen um sich. Allen voran den Meister der Wiener Knöpferlharmonika Walther Soyka und Sänger Willi Resetarits, der sich bereits im Molden-Quartett (mit Soyka und Hannes Wirth) stimmlich als idealer Gegenpart zu Molden bewährt hatte. Auch der niederländische Bluesgitarrist Hans Theessink und sein Bottleneck Slide (ein metallenes Hilfsmittel für die Countrygitarre) darf in der aktuellen Combo nicht fehlen. Eine besondere Rolle übernahm Schauspielerin Ursula Strauss. In „Jessasmaria“ (im Original: „Look at Miss Ohio“) wurde Strauss nun zur Stimme von Originalinterpretin Gillian Welch. Nicht weniger frech resümiert sie: „Irg’ndwann bin i brav, aber net jetzt.“

Frech wäre der falsche Ausdruck für Moldens Album. Auch wenn er sich ohne Skrupel an Nummern mit großen Geschichten heranmacht, er verzichtet auf Cowboy-Nos­talgie. Und wählt lieber gut aus (covert etwa nicht das klischeehafte „This land is your land“ von Guthrie). Und inszeniert noch besser, vor allem gelassener. Dass der raue Charme der Südstaaten auch zur düsteren Wiener Gosse passt – darauf hätte auch früher schon mal jemand kommen können.

Country-Folk Ernst Molden: Hurra. Bader Molden Recordings




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