Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 09.08.2018


Exklusiv

Haus der Musik: Die Säulen künftiger Strahlkraft

Direktor Wolfgang Laubichler will im Haus der Musik Innsbruck der Beziehung von Musik und Film nachgehen – und ein „absolut zeitgemäßes“ Konzertformat im Geiste Mozarts etablieren.

© Thomas Boehm / TTNoch ist das Haus der Musik Tirols größte Kulturbaustelle. Direktor Wolfgang Laubichler will sich dort ab Oktober neuen Formaten widmen.Fotos: De Moor, Hammerle, Böhm



Von Joachim Leitner

Innsbruck – An der Fassade des Innsbrucker Hauses der Musik wird derzeit letzte Hand angelegt. Auf dem Vorplatz unter Hochdruck geschuftet. Schließlich ist das Zeitfenster hier besonders knapp. Bis zum Start der Straßenrad-Weltmeisterschaft (22. bis 30. September) muss der Platz fertig sein. Und auch hinter den Kulissen wird dieser Tage schwer geschleppt. Erste Büros werden eingerichtet und nach und nach bezogen. Gestern wurden die Mietverträge der künftigen Nutzer – ohne Gegenstimme – im Stadtsenat durchgewinkt. Alles läuft also nach Plan.

Am Samstag, 6. Oktober, wird der rund 63 Millionen Euro teure Prestigebau eröffnet, im Rahmen des traditionellen Theaterfests und mit einem abendlichen Konzert des Tiroler Symphonieorchesters (TSOI). Tags darauf bespielt das Landesblasorchester einen der beiden Konzertsäle.

Auch weitere Punkte des Jahres­programms sind inzwischen bekannt: Philippe Herre­weghe und das Collegium Vocale werden im Rahmen von Musik+ im Haus der Musik Innsbruck gastieren, die Hälfte der kommenden Kammerkonzerte wird hier stattfinden – und auch die Termine für das nächste „Heart of Noise“-Festival sind bereits reserviert.

Die Vorhaben von Wolfgang Laubichler, der als Direktor des Hauses die „reguläre“ Spielzeit verantworten wird, lagen bislang allerdings im Dunkeln. Dabei steht außer Frage, dass gerade diese für die Attraktivität und Strahlkraft des Baus maßgeblich sind.

Als ihn der Ruf nach Innsbruck ereilte, habe er natürlich konkrete Ideen gehabt, sagt Laubichler im TT-Gespräch. Aber er habe auch schnell feststellen müssen, dass „es in der Stadt eine ganz lebendige Szene gibt“. Diese um einen weiteren klassischen, sprich: steif durchgetakteten Konzertbetrieb zu erweitern, hätte „keinen Sinn ergeben“. „Daher habe ich versucht, von den Möglichkeiten der neuen Räume aus zu denken – und nach Leerstellen im Innsbrucker Musikangebot gesucht“, erklärt Laubichler.

Und er wurde fündig. Wobei für eine Säule seiner ersten Spielzeit ein ganz Großer Pate stand: Wolfgang Amadeus Mozart. Der habe mit seinen „Akademien“ ein Konzertformat entwickelt, das „formal offener, bunter durchmischt und heute absolut zeitgemäß“ sei. „Es gab Arien, freie Improvisation, Symphonien, Klavierstücke. Daran möchte ich mich orientieren“, erklärt er. Konkret heißt das, dass das vergleichsweise strenge Konzertritual aufgebrochen werden soll. Die Akademie-Konzerte sollen länger sein als vergleichbare Programme, freier. Es wird jeweils einen musikalischen Leiter geben, der im Idealfall auch moderierend durch den Abend führt. Für die Spielzeit 18/19 wurde dafür der US-Pianist Robert Levin gewonnen. Er wird das erste Innsbrucker Akademie-Konzert mit Mitgliedern des Symphonieorchester­s bestreiten. Vergleichbare Konzert­reihen gebe es österreichweit nicht, erklärt Laubichle­r. Ein für die nächste Salzburger Mozartwoche angekündigtes Projekt gehe in eine ähnliche Richtung. „Aber“, hält Wolfgang Laubichler fest, „da darf ich selbstbewusst sagen: Tut mir leid, ich bin früher dran.“

Ein zweiter Schwerpunkt der Planung liegt auf der Beziehung von Musik und Bewegtbild: „Die technischen Möglichkeiten der beiden Räume erlauben es, Musik mit Film und Video zu kombinieren.“ Im Fokus werden dabei unter anderem Filmkomponisten stehen, deren Schaffen auf unterschiedlichste Weise gewürdigt werden soll. In Kooperation mit dem Otto Preminger Institut (Leokino) und dem Institut für Musikwissenschaft wird es 2018/19 drei von Experten begleitete Filmvorführungen geben. Gezeigt werden etwa die sowjetische „König Lear“-Adaption von Grigori Kozintev, deren Score Dmitr­i Schostakowitsch komponierte, und Al­fred Hitchcocks „Vertig­o“ (Filmmusik: Bernhar­d Hermann).

Auch das bekannte Format des live vertonten Stummfilms wird für das Haus der Musik adaptiert: Gezeigt wird das Stummfilmdrama „Die Weber“ (1927) – das TSOI liefert Johannes Kalitzkes neu komponierten Score dazu. Der Komponist selbst soll dirigieren.

Der dritte Teil dieser audiovisuellen Sparte sei hingegen „eher thematischer Natur“: Inhaltlich verwandte Konzerte und Film- oder Videoarbeiten sollen einander ergänzen. Zum Start steht dabei der chinesische Komponist Tan Dun im Mittelpunkt. Zur Aufführung kommt dessen „Ghost Opera“ von 1994 – und voraussichtlich der Film „Hero“ von Zhang Yimou, dessen Score der Oscar-Preisträger komponierte.

Für 2019/20 will sich Wolfgang Laubichler indessen dem französischen Barockkomponisten Jean-Baptiste Lully widmen und dafür den Ausnahme-Violinisten Reinhard Goebel nach Innsbruck holen. Außerdem soll künftig mit einem Fokus auf die Liedkunst ein weiterer Schwerpunkt gesetzt werden, „für den es bislang an geeigneten Räumlichkeiten fehlte“. Und auch anderen Genres soll sich das Haus der Musik in den kommenden Jahren öffnen. „Ich sehe es als meine Aufgabe, nicht nur ausgewählte Ausschnitte abzubilden, sondern in die Breite zu gehen“, sagt Laubichler. Auch Jazz und Weltmusik sollen im Innsbrucker Haus der Musik ihren Platz finden. „Allerdings“, darauf legt Wolfgang Laubichler Wert, „nicht in Konkurrenz, sondern als fruchtbare Ergänzung zum nahen Treibhaus“.

Budgetiert ist die erste Spielzeit des Innsbrucker Hauses der Musik mit 90.000 Euro. Ab 2019/20 stehen Laubichler 120.000 Euro zur Verfügung.




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