Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 07.09.2018


Paul McCartney

“Egypt Station“: Bittersüße Melancholie, altersmilde Rebellion

Heute erscheint „Egypt Station“, das 17. Soloalbum von Paul McCartney. Der 76-Jährige zeigt sich darauf angriffig, spielfreudig und hörenswert.

© Jetzt nur nicht stören. Paul McCartney in sich versunken bei den Aufnahmen für das neue Album.Foto: MJ Kim



Von Markus Schramek

Innsbruck – Es gibt nicht viele Unterhaltungskünstler, deren Name im Terminkalender vorgemerkt wird. Paul McCartney ist so einer. Sein jüngstes Opus „Egypt Station“ erscheint am heutigen Freitag. Das wollte man auf keinen Fall verpassen – und zu Recht. Denn McCartneys neue CD ist richtig gut geworden. Ein schönes Alterswerk des 76-jährigen Ex-Beatles und Ex-Chefs der Wings.

18 Tracks wurden auf „Egypt Station“ verpackt, ein Longplayer fürwahr. Es ist das bereits 17. Soloalbum des Sängers, Songwriters und Bassisten, der vor bald 60 Jahren vom heimatlichen Liverpool auszog, die Welt zu rocken.

Der ältere Herr Multimillionär von der Merseyside hat Ehrbezeugungen, Preise und Awards noch und nöcher angehäuft. Sogar zum Sir wurde McCartney nach britischer Tradition von Frau Königin geadelt. Er könnte sich längst damit begnügen, den eigenen musikalischen Nachlass zu verwalten. Von ihm stammen legendäre Beatles-Hadern wie „Yesterday“, „Let It Be“ oder „Hey Jude“ (zusammen mit dem kongenialen Songschreiber John Lennon). Hits wie „Band On The Run“, „Live And Let Die“ oder „Hope of Deliverance“ entstammen der Solozeit oder dem gemeinsamen Schaffen mit den Wings. Das ergibt ein Songbook, so dick, dass er sich zufrieden zurückzulehnen könnte.

Doch McCartney hat immer noch etwas zu sagen, auch wenn er stimmlich inzwischen lieber auf Nummer sicher geht. Ein sängerischer Höhenrausch ist für einen bald 80-Jährigen auch nicht angebracht. Sein Organ ist aber allemal fit genug, um sich auf „Egypt Station“ als Rebell zu geben, altersmilde zwar, aber doch.

Wer’s nicht glaubt, sollte sich den Song „Despite Repeated Warnings“ geben – und zwar aufmerksam. Denn so etwas hört man in der unfassbar kurzlebigen Welt der U-Musik heute nicht so oft.

Das Lied ist eine bittersüße Reverenz an die Zeit, als der Rock ’n’ Roll noch jünger war. Ein durchkomponiertes Stück von fast sieben Minuten Länge, in dem der Sänger seinen Unmut über die Lage der Welt hinausrotzt. Er warnt vor Führern, die uns ins Verderben führen, und ruft dazu auf, die Altvorderen zu stoppen. „Yes, we can do it“, hämmert der Interpret uns ein, den Slogan Barack Obamas auf die nächste Stufe hievend. Musikalisch wird bei dieser epischen Nummer das ganze Programm gefahren: Piano, Bläser, E-Gitarren.

Ein ähnlich starkes Kaliber ist der Song „Hunt You Down/Naked/C-Link“. Hier gemahnt der aufgebrachte, fast heisere Gesang an „Helter Skelter“ aus Beatles-Zeiten: zornig, trotzig, mit einem phantastischen, langen Gitarrensolo zum Finale.

Faserschmeichler bietet das Album freilich auch nicht zu knapp. Ein brauchbarer Song verlangt nach einem einprägsamen Refrain, hat der Musikveteran einmal erklärt. Ja, wenn es so simpel ist!

„Come On To Me“ und „I Don’t Know“, beide schon vorab zum Appetitmachen als Singles veröffentlicht, bieten schönen Stoff zum Mitsingen und Mitschunkeln. Eine melancholische Ader hat Sir Paul schließlich auch. In „Happy With You“ platzt er fast vor Glückseligkeit. Da trällert er herzerfrischend davon, wie schön es sei, einem Rotkehlchen zu lauschen.

Gott sei Dank beschränken sich McCartneys Aktivitäten aber nicht aufs Vogelfüttern im Park. Denn er hat es immer noch drauf.

Rock/Pop Paul McCartney: „Egypt Station“ (UMI/Capitol). Die CD erscheint heute, 7. September.