Letztes Update am Mi, 26.09.2018 14:04

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Musik aus Tirol

Tiroler Duo Low Potion: „Man darf die Extreme spüren“

Anfang März hat das Tiroler Newcomer-Duo „Low Potion“ sein Debüt veröffentlicht. Ab heute geht es auf Tour mit neuen Songs: Erste Station ist heute Abend der Dachsbau in Innsbruck.

Ein halbes Jahr nach ihrem Doppeldebüt "Lila/Too Beautiful" gehen Anna Widauer und Chris Norz mit Low Potion wieder auf Konzerttour.

© Low PotionEin halbes Jahr nach ihrem Doppeldebüt "Lila/Too Beautiful" gehen Anna Widauer und Chris Norz mit Low Potion wieder auf Konzerttour.



Innsbruck – Auf akustisch-elektronische Reisen gehen Anna Widauer und Chris Norz auf ihrer Debütsingle „Lila“ und weben Klangteppiche, die einen regelrecht davontragen. „Too beautiful“, auf der zweiten Seite der im März veröffentlichten EP, zeigt dazu ein abwechslungsreiches Gegenspiel von groovig industriellen Beats und schillernder Melodie. A und AA heißen die beiden Seiten – wie einst bei den Beatles, die sich auch nicht entscheiden wollten, welcher Song der bessere auf ihrer Platte ist – und so auf B verzichteten.

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Ein halbes Jahr nach ihrem Doppel-Debüt und der dazugehörigen Release-Tour starten die beiden Tiroler Multiinstrumentalisten nun eine weitere Tour mit Low Potion: Im Gepäck haben sie nicht nur bekannte Songs, sondern auch ein neues Set mit Kompositionen, die auf ihre Publikumspremiere warten. Heute Abend spielen sie im Dachsbau in Innsbruck.

Österreich-Termine

26.08. - Dachsbau, Innsbruck

27.08. - Komma, Wörgl

28.08. - waves Festival, Wien

Mit der TT hat Low Potion über ihre Entstehung, die Verbindung von experimenteller Musik und Dialekt und Low Lights, die mindestens so spannend wie Highlights sind, gesprochen.

Wie ist Low Potion entstanden?

Chris Norz: Wir kennen uns schon seit zehn Jahren und haben auch beide zusammen an der Jazz-Hochschule in Basel – ich Schlagzeug und Anna Gesang – studiert. Ursprünglich fanden wir einfach die Idee gut, zu zweit Musik zu machen. Das ist ja doch eher selten. Vor fünf Jahren haben wir dann damit angefangen, die ersten Konzerte als Band „Low Potion“ gab es aber erst im März 2018. Uns ging es darum, eine neue Kombination zu kreieren, ein Duo zu bilden, das man so vielleicht nicht erwartet – ein Schlagzeuger und eine Sängerin auf der Bühne. Für uns selbst ist das auch eine Herausforderung, weil wir beim Komponieren der Musik nicht an die Elemente denken, die wir zur Verfügung haben.

Welche Art von Musik macht Low Potion?

Anna Widauer: Low Potion ist zwar von zwei ,,Jazz-Studierten“ gegründet worden, es ist aber kein Jazz-Projekt in dem Sinn. Uns gefällt sowohl Jazz als auch Singer-Songwriter-Musik, Pop und Elektro – das alles bringen wir ein, aber mehr intuitiv als geplant. Wir zwängen uns in keine bestimmte Richtung und können gerade dadurch aus jedem Song etwas ganz Eigenes machen. Auch bei der Auswahl der Sprache für die Lyrics gehen wir ganz intuitiv vor, das ergibt sich bei jedem Lied neu.

Habt ihr musikalische Vorbilder?

Norz: Einige Leute, die unsere Musik gehört haben, sagen, dass sie sie an Aphex Twin erinnert – wegen den Beats und dem häufigen Stop and Go. Ich verwende nur zwei Synthesizer, weshalb alles ein wenig nach denen klingen mag. Falls andere die gleichen verwenden, klingt ihre Musik sicher ähnlich.

Widauer: Ich will da keine Namen nennen, aber natürlich wird man beeinflusst von vielen Songs, die man so hört, oft bestimmt auch unbewusst.

Wie geht ihr beim Entstehen eurer Songs vor?

Norz: Meistens bekomme ich von Anna ein Gerüst, eine Klavieraufnahme des Liedes mit Gesang dazu, mit Text und den Akkorden. Dann habe ich – glücklicherweise – freie Hand und kann dazu machen, was mir einfällt und taugt. Ich verwende dazu nur ein kleines Keyboard als Controller und den Laptop – im Prinzip passiert alles mit einem digitalen Synthesizer. Dazu kommen dann nach und nach alle akustischen Instrumente, die ich zur Verfügung habe. Zentral ist da das Glockenspiel, dazu einige Shaker, Percussion-Instrumente wie eine Cowbell und auch Alltägliches wie ein Luftballon kommen zum Einsatz.

Woher kommt der Name Low Potion?

Widauer: Auf dem Cover unserer Platte steht: “Warning: Do not approach with a heavy heart“ (Anm: “Nähere dich nicht mit traurigem Herzen”). Das hängt mit der Bedeutung unseres Namens zusammen. „Potion“ ist der Trank, „Love Potion“ z.B. der „Liebestrank“. Mit der Kombination „Low Potion“ möchten wir ausdrücken, dass man sich auch mal „low“, also schlecht fühlen darf. Das stellt sich gegen dieses oberflächliche „Immer-gut-drauf-sein“. Die dunklen Seiten von sich selbst sollte man auch zulassen – in der populären Musik wird ja oft ausgeklammert, dass es die auch gibt. Musik sollte alle Facetten des Lebens aufgreifen, denn ein Bild von sich, das nur aus Highlights besteht, ist nicht komplett. Die Low Lights sind doch genauso spannend. Es geht auch darum, sich zu trauen, vollständig zu sein. Das heißt aber nicht, dass unsere Musik nur traurig wäre. Es geht darum, alle Extreme zuzulassen und spüren zu dürfen.

Nur zu zweit, aber mit unzähligen Instrumenten füllt Low Potion Räume mit Klang.
Nur zu zweit, aber mit unzähligen Instrumenten füllt Low Potion Räume mit Klang.
- Larch

Extrem ist auch die Lichtshow bei euren Auftritten. Wer kreiert die?

Norz: Die Show habe ich programmiert, teilweise wird sie live noch von mir gesteuert, teilweise ist sie vorgeplant. Ich habe sie daheim im Schlafzimmer entwickelt, hab mir dort alles aufgebaut. Es gibt da verschiedene Elemente, die wir beim Auftritt je nach Stimmung einsetzen: Den Moving Head in verschiedenen Farben etwa, einen Lichtkegel, der auf das Publikum fällt, Backlight, das wie eine Taschenlampe leuchtet und die Stroboskope. Anders als es üblich ist bei Auftritten von Bands, wo Scheinwerfer von oben herunterstrahlen, befindet sich bei uns das Licht direkt im Setup. Wir Musiker werden nicht von außen beleuchtet, sondern sozusagen von innen heraus.

Neben dem Licht muss auch jeder Griff stimmen, wenn man zu zweit für alles verantwortlich ist. Wie schwierig ist das?

Norz: Als Schlagzeuger ist man ans Koordinieren ja gewissermaßen gewöhnt, und mit Low Potion ist es halt einfach noch eine zusätzliche Challenge für mich. Es muss natürlich alles stimmen, ich darf keinen falschen Knopf drücken, sonst ist ,,Sendepause“. Es geht um Konzentration, aber genau das gefällt mir auch so an den Auftritten. Es können natürlich 200 Sachen schiefgehen, aber wenn ich voll dabeibleibe, wird das nicht passieren.

Seid ihr sehr nervös vor euren Auftritten?

Widauer: Ja klar. Aber wenn wir das Set vorher einmal als Ganzes durchspielen und zufrieden damit sind, fühlen wir uns bereit. Nach einem Auftritt sind wir dann auch richtig fertig, weil er volle Konzentration erfordert und einen gleichzeitig richtig flasht. Wir wollen ja eine Message übermitteln und das Publikum nicht einfach beschallen, das zehrt dann schon an einem.

Wie entstehen eure Texte?

Widauer: Die stammen von mir. Die Geschichten darin fallen mir in allen möglichen Situationen im täglichen Leben ein, beim Zugfahren etwa. Sie handeln viel von Gefühlen und dem Verarbeiten von Dingen, die ich erlebe, oder von besonderen Beobachtungen. In „Lila“ etwas geht es um den Wunsch nach Verschwinden, inspiriert hat mich dazu Elena Ferrantes „Neapoletanische Saga“.

Manche Lieder singst du im Dialekt.

Widauer: Drei gibt es da bisher, und die hängen thematisch zusammen. Sie drücken drei Phasen der Trauer aus. Auch wenn es selten ist, so eine experimentelle Art von Musik mit Dialekt zu verbinden, war auch das ein ganz natürlicher Prozess für mich.

Fühlst du dich authentischer, wenn du in deiner „natürlichen Sprache“ singst?

Widauer: Eher ein wenig reduzierter. Man hat im Dialekt weniger Wörter zur Verfügung, wenn man authentisch klingen will. Auf Englisch kann ich Wörter neu schöpfen, im Dialekt würde das viel mehr auffallen und irritieren. Ernste Themen versuche ich im Dialekt außerdem noch mehr zu verpacken und nur anzudeuten, als ich das in einer anderen Sprache täte.

Chris: Dadurch, dass wir auch in anderen Projekten verankert sind (Anm.: Chris Norz ist Perkussionist von Manu Delago Handmade und Schlagzeuger bei Hi5, Anna Widauer spielt u.a. beim Kollektiv „Little Rosies Kindergarten“ und der Band „Lost Toys“), haben wir mit Low Potion nicht den Druck, alles auf eine Karte setzen zu müssen. Wir haben die Freiheit, einiges auszuprobieren. Dadurch stellte sich auch nie die Frage, ob Dialekt hundertprozentig dazupasst – wir machen es einfach.

Ihr kommt ja beide aus Tirol und wohnt nach wie vor – die meiste Zeit – hier. Wie seht ihr die Möglichkeiten für junge Musiker bei uns?

Norz: An und für sich gibt es ja sehr viele Musiker in Tirol, und dazu verschiedene Szenen, von Blasmusik über Pop bis hin zu Alter Musik. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass wir als Duo von dort unseren Input holen. Durch unser erstes Studium – den Jazz-Lehrgang am Mentlberg – kennt man sich natürlich, ist umgeben von Leuten, die Bands gründen wollen. Das war für uns auf jeden Fall ein guter Start.

Bleiben diese ausgebildeten Leute dann in Tirol?

Norz: Wenn man diesen Lehrgang absolviert hat und weitermachen will, steht man irgendwie an. Einen Aufbaulehrgang gibt es in Innsbruck nicht, keinen Bachelor, keinen Master. Viele gehen dann in andere Städte um weiter zu studieren, und bleiben dann auch oft dort.

Widauer: Will man sich künstlerisch weiterentwickeln, steht man an, das stimmt. Auch das Publikum ist natürlich begrenzt in einer kleinen Stadt wie Innsbruck.

Wie geht es da Low Potion? Gibt es viele Interessierte?

Norz: Schwer zu sagen nach nur einem Konzert im Treibhaus. Die Rückmeldungen in den sozialen Medien zum Video waren grundsätzlich gut. Fans dazugewinnen können wir hoffentlich auf der anstehenden Tour.

Das Gespräch führte Anja Larch.