Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 26.10.2018


Innsbruck

Innsbrucker Meisterkonzertzyklus: Hingabe auf höchstem Niveau

Der Innsbrucker Meisterkonzertzyklus startete fabelhaft unter Andrés Orozco-Estradas Stabführung.

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© Werner Kmetitsch



Von Ursula Strohal

Innsbruck – Erst einmal nahm uns Mozart mit in die Oper, im Eilschritt zu „Die Hochzeit des Figaro“. Rasch, wenngleich pointiert, ließ er seine Idee zur Ouvertüre vorüberhuschen. Doch da waren noch andere Gedanken. Ein neues Klavierkonzert für seine Frühjahrsakademien. Er wählte A-Dur, hell im Eröffnungssatz, heiter-lebhaft im Finale, aber hin und wieder durch Tonartenwechsel, wie er es liebte, leicht überschattet. Die Gefälligkeit seiner Klavierkonzert-Sätze, schrieb er ja einmal dem Vater sinngemäß, sei doch nur die Oberfläche. Also: Wer Ohren hat, der höre. Und dann legt er im langsamen Mittelsatz alle Konvention beiseite, lässt zu, was sonst nur dunkle Flecken sind und wählt für den weltvergessenen Gesang einer namenlosen Trauer fis-Moll, eine Tonart, die er sonst nicht benützt. Laut Mozarts eigenem Katalog beendete er das Konzert am 2. März 1786. Am folgenden 1. Mai hatte am Wiener Burgtheater „Die Hochzeit des Figaro“ Premiere.

Es ist natürlich sinnvoll, Mozarts Klavierkonzert in A-Dur, KV 488, mit ein wenig „Figaro“ zu verbinden, auch wenn die Opernouvertüre, wie im Meisterkonzert am Mittwoch, letztlich nur als Einspielstück daherkam. Das Hessische Rundfunksinfonieorchester Frankfurt gastierte unter dem in Wien lebenden kolumbianischen Dirigenten Andrés Orozco-Estrada, den seine stürmische Karriere ab 2021/22 als Chefdirigent zu den Wiener Symphonikern führen wird. Im Innsbrucker Congress hatte er mit dem Mahler Chamber Orchestra schon einmal in einem Meisterkonzert begeistert.

Mozarts KV 488 brachte er mit dem Orchester respektvolles Stilbewusstsein mit sogar einem Hauch Originalklang entgegen. Am Flügel der polnische Phrasierungskünstler und nunmehr auch promovierte Philosoph Rafal Blechacz, der Mozart ohne Verzärtelung und dessen Natürlichkeit widersprechenden Manierismen spielte. Mit sanftem Ernst die Eröffnung, mit der Beredsamkeit des Virtuosen den Schlusssatz. An die Elegie, an das Herz des Adagios reichte die Solostimme nicht ganz heran. Das lag nicht an Blechacz, der mit dem Orchester in der – trotz aller Munterkeit – weichen Abtönung der Grundstimmung aufging, das lag an dem modernen Flügel, der weit geöffnet in der Klangerzeugung einfach nicht dem entspricht, was Mozart unter den Fingern hatte.

„Aus der neuen Welt“ tönte die Neunte Symphonie von Antonin Dvorák – in Orozco-Estradas neuer Welt des Gestaltens. Mit der ins Gemüt fahrenden Musik, die sich, so musiziert, wahrlich nichts populär vergibt, und der mitreißenden Motivation und Virtuosität des hr Sinfonieorchesters Frankfurt gelang eine phantastische Aufführung. Der Musiker des die Zeit aufhebenden, grandios phrasierten, klangverträumten Englischhornsolos wurde vom Publikum ebenso wie die fabelhafte Horngruppe und die Orchestergesamtheit bejubelt.

An der Spitze Orozco-Estrada mit seiner singulären Art, Musik entstehen zu lassen. Unter seiner überredenden, jeden Einsatz markierenden, lächelnd belohnenden, ernst abdunkelnden, ebenso beseelten wie spannungsvollen und höchst präzisen Führung können Musizierende auf Topniveau nicht anders, als mit Hochleistung und Hingabe zu antworten.




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