Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 07.11.2018


Musik

Grande Dame mit intakter Strahlkraft

Die kanadische Sängerin Joni Mitchell wird heute 75 Jahre alt. Ihr Einfluss auf die Musikwelt ist ungebrochen.

© ImagoJoni Mitchell setzte sich in der von Männern dominierten Songwriter-Szene Nordamerikas durch.



Innsbruck – „They paved paradise und put up a parking lot.“ Diese anklagenden Worte könnten aus dem Mund eines heutigen Umweltschützers stammen. „Sie haben das Paradies zugepflastert, um einen Parkplatz zu bauen.“ Doch weit gefehlt. In ihrer Hitsingle „Big Yellow Taxi“ sang die Kanadierin Joni Mitchell schon 1970 gegen eine grassierende Betonierermentalität an, zeitlos aktuell, wie Mitchells künstlerischer Output überhaupt. Der hat seinen Eintrag im Vintage-Katalog der Singer-Songwriter-Szene schon sicher. Mit heutigem Tag blickt Miss Mitchell auf ein Dreivierteljahrhundert zurück: Sie wird 75.

Seit den 60er-Jahren ist die Künstlerin eine fixe Größe im gehobenen Popgeschäft; doch in den letzten Jahren sind Auftritte selten geworden. Neues Material hat Mitchell seit dem 17. Studioalbum „Shine“ im Jahr 2007 nicht mehr eingespielt. Sehr zu empfehlen ist dieses Spätwerk übrigens, Mitchell poetisch-fragil im neuzeitlichen Klanggewand. Und „Big Yellow Taxi“ gibt es auf der vermutlich ultimativen Langrille erneut zu hören, quasi als Coverversion und Bonustrack in eigener Sache. Dass der Umweltsong immer noch Kohle abwirft, hatten zuvor schon die Counting Crows unter Beweis gestellt: Sie coverten „Big Yellow Taxi“ 2003 zum Welthit.

Mitchell, geboren am 7. November 1943 als Roberta Joan Anderson in der kanadischen Pampa, mag man eben. Groß war und ist ihr Einfluss auf das Schaffen von Berufskollegen. Egal ob der fast gleich alte Landsmann Neil Young, ob Jazz-Pianist Herbie Hancock oder gar Prince und Norah Jones: Nach Vorbildern gefragt, gaben selbst Große des Musikgeschäfts zumindest Hinweise auf Joni Mitchell.

Mit Alben wie „Ladies Of The Canyon“ (1970), „Blue“ (1971) oder „Court And Spark“ (1974) definierte die Jubilarin das damals noch junge und von Männern dominierte Songwriter-Genre neu. Später experimentierte Mitchell mit Jazz (auf „Hejira“, 1976, und „Mingus“, 1979). In den 80er-Jahren ließ sie Rock und Elektronik in ihren Sound einfließen. Danach wurden Veröffentlichungen seltener. Ihr einst glockenheller Sopran reifte zu einem wunderbar rauchigen Alt.

Mitchells Strahlkraft ist bis heute ungebrochen. Judith Holofernes (Wir sind Helden) formuliert ihre Geburtstagsgrußadresse so: „Je länger ich Jonis Platten höre, umso mehr liebe ich sie.“ Nicht nur ihr geht es so. (mark, dpa)




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