Letztes Update am Mi, 02.01.2019 06:44

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Neujahrskonzert

Von zartesten Neujahrstönen

Christian Thielemann und die Wiener Philharmoniker veredelten beim 79. Neujahrskonzert Wiener Walzer & Co so kunstvoll wie schon lange nicht mehr.

Wenn sich zwei bestens auf Walzer verstehen: Christian Thielemann begeisterte mit seinem ersten Neujahrskonzert am Pult der Wiener Philharmoniker.

© APA/NeubauerWenn sich zwei bestens auf Walzer verstehen: Christian Thielemann begeisterte mit seinem ersten Neujahrskonzert am Pult der Wiener Philharmoniker.



Von Stefan Musil

Wien – Aus „Hell- und Sonnengelb, Weiß, Creme, Pastellorange und Frischgrün“, zart getönt haben die Wiener Stadtgärten ihren Blumenschmuck für den Goldenen Saal des Musikvereins heuer komponiert. 30.000 Rosen, Lilien und Orchideen begrüßten blühend das neue Jahr.

Alle Erwartungen wurden mit dem Neujahrskonzert 2019 erfüllt.
Alle Erwartungen wurden mit dem Neujahrskonzert 2019 erfüllt.
- APA/Neubauer

Nur eine Rose brauchte Christian Thielemann, als er im Jahr 2000 als Dirigent eines Abonnementkonzerts der Wiener Philharmoniker mit der „Rosenkavalier-Suite“ von Richard Strauss debütierte. So begann eine nachhaltige künstlerische Zuneigung, der jetzt mit Thielemanns erstem Neujahrskonzert der „Ritterschlag“ durch das Orchester folgte. Denn nur von den besten und ihnen liebsten Maestri lassen sich die Philharmoniker bei den Walzern, Polkas und Märschen der Strauß-Dynastie den Takt schlagen. Den Dreivierteltakt gab es aber bereits damals, beim „Rosenkavalier“-Walzer, für den sich der Münchner Richard Strauss bei den Wienern, beim „Dynamiden“-Walzer von Eduard Strauß bediente. Der stand zwar nicht auf Thielemanns erstem Neujahrskonzert-Programm, aber dass sich der Berliner auf Walzer da wie dort versteht, wurde grandios bewiesen. Man darf von einem überglücklichen Debüt berichten.

„Mit Geschmack“ war die Devise, die der Dirigent vorab ausgegeben hatte. Von allzu luftiger Muse und oberflächlichen Schnell-Geschichten also weniger Spur. Dafür wurde das neue Jahr schon lange nicht mehr so symphonisch ernst genommen, so klanglich ausgetüftelt begrüßt, ohne der guten Laune Abbruch zu tun. Dementsprechend zeigte sich auch die Auswahl der Stücke mehr auf der lyrischen Seite als im Konfetti-Bereich. Die einzige humoristische Einlage blieb ein wenig Mitsingen der Musiker im „Egyptischen Marsch“, den Johann Strauß Sohn für eine Petersburger Tournee und zur Suez-Kanal- Eröffnung komponiert hatte. Das Programm gab sich auch weltoffen, als gleich zu Beginn mit dem höchst aparten „Transactionen“-Walzer von Josef Strauß an die vor 150 Jahren aufgenommenen diplomatischen Beziehungen zu Japan erinnert wurde.

Die wahren Zuckerln kamen natürlich im zweiten Teil, etwa sogleich mit der eröffnenden Ouvertüre zum „Zigeunerbaron“ von Strauß Sohn und wenig später mit seinem Walzer „Künstlerleben“, und beides zeigte, wie immer wieder feinst zurückgenommen, mit atemberaubenden Pianissimi, trotzdem unter Hochspannung, Thielemann solches zu dirigieren versteht. Immer auch schön subtil in den Rückungen und in den goldrichtig gefühlten kleinen Verzögerungen, die dieser Musik erst die Seele geben. Das ließe sich natürlich manchmal auch mit etwas mehr Schmackes denken.

Doch so nimmt es diese Komposition in jeder kleinsten Note ernst, womit das ganze Potenzial dieser Musik himmlisch schön zu erleben ist. Dort, wo dann Temperament gefragt ist, weiß Thielemann es ohnehin perfekt zu steigern, reißt mit. Wobei, besonders im Csárdás aus der Oper „Ritter Pásmán“ von Strauß Sohn, immer auch noch das zarteste Detail im Orchester aufzeigen darf. Jedes Triangel-Bling wird hier zum unverzichtbaren Teilchen eines großen Ganzen. Keine Frage, dass so, nach der rasant zugegebenen Polka „Im Sturmschritt“, der Donauwalzer ganz ohne Schmalz einem tief ins Herz wogte. Die Wiener Philharmoniker gaben sich dafür musikalisch mit jeder Faser ihrem Dirigenten hin und spielten weltmeisterlich. Jubel!

Kommendes Jahr wird der Lette Andris Nelsons das Neujahrskonzert dirigieren.
Kommendes Jahr wird der Lette Andris Nelsons das Neujahrskonzert dirigieren.
- DPA