Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 22.01.2019


Musik

Alice Merton: Soundtrack der mobilen Generation

Nach ihrer Hitsingle „No Roots“ legt Alice Merton ihr erstes Album vor, mit dem sie sich vom Stempel „One-Hit-Wonder“ befreit.

Die fehlenden Wurzeln („No Roots“) können bei Alice Merton durchaus als positiv gesehen werden. „Mint“ ist Mertons Debütalbum.

© Paper Plane RecordsDie fehlenden Wurzeln („No Roots“) können bei Alice Merton durchaus als positiv gesehen werden. „Mint“ ist Mertons Debütalbum.



Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Überall und nirgends zuhause sein: Darüber sang Alice Merton in ihrem Überdrüber-Hit „No Roots“ von 2016. Beziehungsweise singt sie bis heute, schließlich trifft der Song nach wie vor mitten ins Herz einer weit gereisten Generation; und doch, egal wo man sich in den letzten zwei Jahren auf der Welt aufhielt, kaum jemand kam an diesem Song vorbei. Nicht die Radiostationen in Europa, nicht die europäischen und amerikanischen Charts, auch nicht Jimmy Fallon oder James Corden. Die gebürtige Frankfurterin, die schon in den USA und in Kanada lebte und heute in Berlin zuhause ist, eroberte die Musikwelt in Eigenregie. Von der abgelehnten Songwriterin hin zu den großen amerikanischen Late-Night-Shows.

Denn nach ersten Erfahrungen als Songschreiberin wollte kein Label ihre eigene Musik vertreten. Kurzerhand wurden „Paper Plane Records“ gegründet, bei denen sie ein paar Freunde um sich scharte: Die Single wurde produziert, das Video gedreht. Und prompt landete „No Roots“ in der Werbung eines Mobilfunkanbieters und dann in den oberen Rängen der deutschen, österreichischen sowie französischen Charts. Der Sprung über den großen Teich gelang (zeitverzögert) ebenso. Eine EP und vereinzelte Singles folgten, trotzdem stieg auch der Druck, ein Debütalbum zu veröffentlichen. Das erschien mit „Mint“ nun vor einigen Tagen, natürlich im Eigenlabel.

Mit diesem beweist Merton, dass sie (noch nicht) zum One-Hit-Wonder abgestempelt werden kann. Die 25-Jährige legt auf der Platte elf Tracks vor, die eine konsequente Weiterführung ihres „No Roots“-Stils darstellen.

Immer wieder geht es auch hier textlich um unterschiedliche Heimaten: In „Homesick“ etwa erzählt Merton von ihren Erfahrungen als „new kid“ und dem ihr fremden Gefühl von Heimweh – weil Heimat auch immer etwas mit den sie umgebenden Personen zu tun hat.

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Auch wenn die fehlenden Wurzeln ein Thema bei der Berlinerin bleiben, so hat ihre Musik doch ein Zuhause: Merton ist dem Indie-Pop verschrieben, der handgemacht und analog gemacht wird; der britische Akzent, die treibenden Drums und die eingängigen Basslinien wecken unvermeidlich Erinnerungen an The Killers oder die große Florence Welch, genauer an Florence and the Machine von 2015. Eine Abgrenzung gelingt wohl nur, wenn Merton am Boden bleibt und sich nicht in unendlich pathetische Sphären singt wie die Welch von 2018. Dass Merton auch „ruhig“ kann, zeigt etwa die solide Popballade „Honeymoon Heartbreak“ auf ihrer Debütscheibe. Ansonsten geben starke, selbstbewusste Tanznummern („Learn to Live“, „Funny Business“) den Ton an, die sich in den Charts durchaus auch wieder heimisch fühlen könnten.

Indie-Pop Alice Merton: Mint. Paper Plane Records.