Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 30.01.2019


Kellertheater

„Lost in the stars“: Hoffnungsvolle Verzweiflung

Im Innsbrucker Kellertheater feierte der Liederabend „Lost in the stars“ Premiere. Eine gefühlsbetonte Reise in die Welt des Tangos und der Chansons.

Judith Keller singt von den großen Themen im Leben: von hingebungsvoller Liebe, dem Schmerz des Verlassenwerden­s und von der Sehnsucht nach Freiheit.

© Alois Krug und Chris NiewoJudith Keller singt von den großen Themen im Leben: von hingebungsvoller Liebe, dem Schmerz des Verlassenwerden­s und von der Sehnsucht nach Freiheit.



Von Gerlinde Tamerl

Innsbruck – Geduldig wartet der Akkordeonspieler auf der dunklen Bühne, bis Sängerin Judith Keller aus der Dunkelheit auftaucht. Die Diva schreitet, in einen schwarzen Mantel gehüllt, durch das Publikum und stimmt den Song „I’m a Stranger Here Myself“ an, in dem es an einer Stell­e heißt: „I dream of a warm day ...“ Von warmen Tagen träumen derzeit wohl viele Menschen, manche vielleicht nicht nur von angenehmeren Temperaturen, sondern vielleicht auch von überwältigenden Gefühlen, die den schnöden Alltag in so weite Ferne rücken, als hätte es ihn gar nie gegeben.

Der Liederabend „Lost in the stars“, der am Montag im Innsbrucker Kellertheater seine Premiere feierte, präsentierte unter anderem berühmte Chansons von Kurt Weill, Jacques Brel sowie Tangos des Argentiniers Astor Piazzoll­a.

Im Mittelpunkt des Abends stand Schauspielerin und Sängerin Judith Keller, die sich als nahbare wie wandlungsfähige Künstlerin erweist: einmal ruppig und temperamentvoll, dann wieder zart und verletzbar. Ihre Stimme taumelt dabei im Stil der französischen Chansonsängerin Édith Piaf zwischen Euphorie und anklagender Verzweiflung. „Das Lied vom Surabaya Johnny“ etwa stellt einen emotionalen und musikalischen Höhepunkt des Abends dar und erzählt von der vermeintlich großen Liebe, aber auch von der zerstörerischen Kraft des Betrogen- und Verlassenwerdens. Hier ist die Atmosphäre besonders stimmig: Kellers pathetische Tonlage, ihre tränennassen Augen, das rote Satinkleid, die schwarze Federboa. Raue, anschwellende Töne gehen mit schmerzzerrissenem Vibrat­o einher.

Mühelos wechselt Keller während des Abends auch die Sprachen, sie singt nicht nur auf Englisch und Deutsch, sondern auch souverän auf Französisch und Spanisch. Begleitet wird sie von Harald Pröckl auf dem Akkordeon, dem es musikalisch gelingt, auf ihre Stimmungslagen sensibel einzugehen.

Judith Keller, Bühnenmensch durch und durch, hält Blickkontakt zum Publikum. Indem sie zwischendurch auch zur Violine greift, sorgt sie für Abwechslung und bewahrt die Spannung bis zum Schluss. Mit Wohlwollen blickt man am Ende der Vorstellung darüber hinweg, dass nicht jeder Ton durchgehend perfekt getroffen wurde, weil dieser Abend, der mit großem Applaus gefeiert wurde, wieder in Erinnerung ruft, dass es sich lohnt, berührbar zu bleiben, auch wenn es manchmal weh tut.


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