Letztes Update am Mi, 13.02.2019 10:12

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Pianist Michael Schöch: „Musikgenuss braucht Vorbildung“

Der Tiroler Michael Schöch hat sich als Pianist und Organist einen Namen gemacht. Ein Gespräch über Musik im Spannungsfeld zwischen bloßer Berieselung und tatsächlicher Herausforderung.

Michael Schöch unterrichtet am Tiroler Landeskonservatorium und absolviert zusätzlich rund 40 Auftritte pro Jahr am Klavier und an der Orgel.

© Thomas Boehm / TTMichael Schöch unterrichtet am Tiroler Landeskonservatorium und absolviert zusätzlich rund 40 Auftritte pro Jahr am Klavier und an der Orgel.



Zur Einstimmung auf unser Gespräch haben Sie am Klavier Auszüge aus Robert Schumanns „C-Dur Fantasie“ auswendig gespielt. Verzichten Sie beim Vortrag generell auf Notenblätter?

Michael Schöch: Ich habe als Musiker den Anspruch, ein Stück so genau zu kennen und zu verinnerlichen, dass ich es auswendig spielen und an jeder beliebigen Stelle einsteigen kann. So kann ich mich viel besser auf die Musik konzentrieren und bin nicht vom Notenblatt abhängig.

Sind Fehler oder Aussetzer als Pianist unvermeidbar?

Schöch: Fehler können immer vorkommen, auch bei den berühmtesten Pianisten. Ich selbst bin seit dem Studium glücklicherweise von größeren Problemen bei Auftritten verschont geblieben.

Welcher „innere Spielfilm“ läuft bei Ihnen ab, wenn Sie vor Hunderten Menschen konzertieren wie zuletzt beim Jubiläumskonzert der Universität Innsbruck?

Schöch: Das ist ein abstrakter Vorgang, der schwer zu beschreiben ist. Ein Klavierstück übe ich zuerst ohne Klavier ein. Ich lese die Noten und höre dabei den Klang. Ich präge mir das Notenbild ein, dann folgt das motorische Gedächtnis. Die Finger erinnern sich wie von selbst. Eigentlich spielt ja das Hirn, es lenkt die Finger. Je mehr Informationen ich habe, desto sicherer wird mein Spiel. Ein Stück, das ich gut beherrscht habe, kommt rasch zurück, auch wenn ich es längere Zeit nicht angerührt habe.

Sie spielen Klavier und Orgel. Wo liegt die Präferenz?

Schöch: Das Klavier ist mir emotional vielleicht näher. Ich begann mit fünf Jahren, Klavier zu spielen. Wobei ich sagen muss: Die ersten zehn Jahre habe ich ohne jeden Ehrgeiz gespielt und kaum geübt. Mit 16 bekam ich einen neuen Lehrer. Er sagte, ich sei talentiert, und ich wollte wissen, ob das stimmt. Ich wurde am Tiroler Landeskonservatorium aufgenommen. Und dann begann ich bei Bozidar Noev wirklich mit dem Klavierspielen.

Wie viel Zeit wenden Sie für Klavier und Orgel auf?

Schöch: Sieben bis acht Stunden jeden Tag, die ganze Woche über. Längere Pausen gibt es nur im Sommer.

Klassische Musik ist oft eine brotlose Kunst. Haben Sie jemals bezweifelt, von der Musik leben zu können?

Schöch: Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Mein Lehrer hat nie gefragt, was ich einmal beruflich machen will. Das hat mich beruhigt. Ich unterrichte jetzt seit drei Jahren Orgel am Konservatorium. Das ist ein gutes Standbein. Dazu kommen rund 40 Auftritte pro Jahr und CD-Aufnahmen, zuletzt mit Mitgliedern der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Robert Oberaigner, der dortige Soloklarinettist, ist gebürtiger Tiroler. Mit ihm nehme ich demnächst die dritte CD auf.

Sie sind im April bei den Salzburger Osterfestspielen engagiert.

Schöch: Ich spiele mit Musikern der Sächsischen Staatskapelle ein Kammerkonzert am Klavier. Tobias Moretti wirkt bei Arnold Schönbergs „Ode an Napoleon Buonaparte“ als Sprecher mit.

Welche Komponisten zählen zu Ihren Favoriten?

Schöch: Bach mit seinen Orgel-Werken. Sonst sind es Beethoven und die Romantiker Schubert, Schumann, Liszt, Brahms, Chopin. Aber auch Musik des 20. und 21. Jahrhunderts ist mir wichtig mit Komponisten, die weniger bekannt sind. Max Reger etwa, der eher als Orgelkomponist gilt, hat fantastische Klavierstücke geschrieben.

Zeitgenössische Musik hat einen schweren Stand. Sie gilt als schwer zugänglich und verkopft.

Schöch: Das Problem ist ein anderes: In vielen Konzerthäusern werden sehr oft dieselben klassischen Standards gespielt, wie Beethovens 5. oder die „Symphonie fantastique“ von Berlioz, weil diese Werke bekannt sind und niemanden überfordern. Musik lebt aber von der Weiterentwicklung. Und zeitgenössische Musik ist die Fortsetzung der Klassik. Komponisten leben nicht im Vakuum, sie reagieren auf ihre Zeit. Wichtig wäre es, dass man sich mit der Musik beschäftigt und sich nicht bloß berieseln lässt. Das gilt für Werke von Bach genauso wie für jene von Karlheinz Stockhausen.

„Was will uns der Komponist sagen?“ ist für Sie eine relevante Frage?

Schöch: Absolut. Musik ist so vielfältig. Man braucht meiner Meinung nach schon eine Vorbildung, um noch größeren Genuss zu empfinden. Bei Schumann kommen Motive vor, die von Beethoven stammen. Wenn man das weiß, hört man viel mehr.

Zeitgenössische Musik ist oft ein Einmalereignis: uraufgeführt und schon schubladisiert.

Schöch: Wäre Beethovens 3. Sinfonie „Eroica“ nur einmal gespielt worden, hätte sie nicht bis heute überlebt. Sie ist bei der Uraufführung durchgefallen, galt sogar als unspielbar. Daher sollte man auch moderne Stücke, die das nötige Potenzial haben, immer wieder aufführen. Sie können sich so etablieren.

Juckt es Sie in den Fingern, selbst zu komponieren?

Schöch: Es gibt schon so viel wunderbare Musik, mit der ich mich beschäftigen und mit der ich etwas ausdrücken kann. Derzeit verspüre ich nicht den inneren Drang, musikalisch etwas Neues sagen zu wollen. Viele moderne Komponisten schreiben Musik, weil sie eben gerne komponieren. Das aber reicht mir nicht.

Das Gespräch führte Markus Schramek

„Die ersten zehn Jahre habe ich ohne jeden Ehrgeiz gespielt und kaum geübt.“ Michael Schöch (über seine Anfänge am Klavier).
„Die ersten zehn Jahre habe ich ohne jeden Ehrgeiz gespielt und kaum geübt.“ Michael Schöch (über seine Anfänge am Klavier).
- Thomas Boehm / TT