Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 11.03.2019


Innsbruck

Wolfgang Ambros in Innsbruck: Ein Urgestein wieder auf Tour

Wolfgang Ambros gibt in Innsbruck ein Konzert mit etlichen Hoppalas und einem Bühnenzwischenfall. Dennoch versetzt er die Zuhörerschaft in Entzücken.

Wolfgang Ambros in Innsbruck. Sitzend singt er sich durch seine eigene Hitparade.

© Thomas BöhmWolfgang Ambros in Innsbruck. Sitzend singt er sich durch seine eigene Hitparade.



Von Markus Schramek

Innsbruck – Journalistische Kritiker haben es leicht: Sie wissen alles besser, und zwar im Nachhinein. Im Fall von Wolfgang Ambros stößt das Welterklären jedoch an Grenzen. Denn der fast 67-jährige gebürtige Wiener mit Hauptwohnsitz in Waidring, Tirol, kann herumfuhrwerken, wie er will. Die Fans verzeihen ihm alles. So verhält es sich auch Samstagabend im Innsbrucker Congress, beim Auftakt einer weiteren Konzerttournee in abgespeckter Besetzung. Wie macht das der Ambros bloß?

Der ganz große Auftritt ist nicht mehr möglich. Ganz wörtlich nicht. Gebückt und auf einen Stock gestützt, schlurft Ambros auf die Bühne. Als Folge massiver Probleme an Rücken und Wirbelsäule ist der Sänger nur noch eingeschränkt mobil. Er erklimmt eine Art Hochsitz, eine Spezialanfertigung, die ihn halbwegs schmerzfrei arbeiten lässt, blickt in die gut gefüllte Runde und ist erstaunt über die eigene Zugkraft. „Vor so vielen Menschen spielen wir sonst eigentlich nicht“, sagt der „Woiferl“ frei heraus.

Doch schon bald ist es unüberhörbar: Ambros’ Stimme ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Er bemüht sich nach Kräften, doch bescheiden bleibt das Ergebnis.

Texthänger ziehen sich durch den Abend. Mitunter sucht Ambros ein Weilchen nach dem richtigen Gitarrenakkord. Allzu viel Probenarbeit dürfte sich auch nicht ausgegangen sein. Ambros und seine Co-Musiker Günter Dzikowski (Keyboards) und Roland Vogel (Bass, diverse Gitarren) wirken bei diesem ersten Gig nach längerer Pause nur mäßig eingespielt.

Auch egal. Die drei Hauptakteure witzeln selbst am meisten über Songs, die urplötzlich und vorzeitig enden. Ambros kommentiert das aus der Not geborene Improvisieren so: „Es klingt ein bisschen anders, aber es ist immer noch dasselbe Lied.“ Ein Hauch von Dämmerschoppen macht sich breit. Seichte Witzchen und Gschichtln und Kalauer wie jener über die „Tendenz zur Demenz“ erheitern die Fangemeinde.

Und trotzdem. Wenn Uraltklassiker wie die „Wintersunn“ erklingen (nennen wir es einmal so), läuft dem großteils mittelalterlichen Publikum die Gänsehaut über den Buckel. In solchen Momenten sind Zuhörer und Interpret einander nahe, vereint in einer wehmütig glorifizierten verblassten Vergangenheit.

Nach der Pause spielt sich Ambros durch seine eigene Hitparade: „Zwickt’s mi“, „A Mensch möcht i bleibn“, „Die Blume aus dem Gemeindebau“. Das Singen übernimmt nun immer mehr das Publikum. Es kennt manchen Text auch deutlich besser als dessen Verfasser. „Gezeichnet fürs Leben“, das für viele eindringlichste Ambros-Lied, wird zum musikalischen Höhepunkt des Auftritts. Tastenmann-Dzikowski übernimmt mit den Keyboards gekonnt die einst für E-Gitarre geschriebenen Soloparts.

Tosender Beifall, alles auf den Beinen – und plötzlich ein lautstarker Rumpler. Er wird doch nicht? Leider doch. Beim Abgang ist Ambros über ein Kabel gestolpert. Der Applaus verebbt. Ambros ist am Boden, aber nicht lange. Assistiert von seinen beiden Bühnenkollegen, rappelt er sich hoch und streckt trotzig die Faust himmelwärts. Er ist ein Stehaufmännchen.

Zugaben muss sich der Saal nach diesem Zwischenfall nicht lange erklatschen. Das Trio macht kehrt und gibt seinen Anhängern jene Songs, die zur Glückseligkeit noch fehlen: „Es lebe der Zentralfriedhof“ (mit zweimal derselben Strophe) und „Da Hofa“. Unvermeidlicher Schlusspunkt ist jenes Happy-Pepi-Liedchen, mit dem Ambros das Lebensgefühl der alpinen Spaßgesellschaft einfing: „Schifoan“. Danach kann schwer noch etwas kommen.

Nach drei Stunden endet das Konzert mit immerhin einer Erkenntnis: Viele andere Künstler wären nach einem derartig pannenbehafteten Auftritt mit Häme und Buhrufen eingedeckt worden. Wolfgang Ambros hat das nicht zu befürchten. Darauf darf er stolz sein. Seine besten Zeiten sind aber lange vorbei.