Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 15.04.2019


Straßenrap

Rapper lässt die Beatles alt aussehen

Aus Sibirien in die Hitparade: Capital Bra gilt als erfolgreichster Vertreter des Straßenraps, den er inzwischen salonfähig gemacht hat.

Capital Bra bei seinem Start der Tour, die ihn diese Woche nach Wien führt.

© www.picturedesk.comCapital Bra bei seinem Start der Tour, die ihn diese Woche nach Wien führt.



Mannheim – Es ist ein historischer Moment. Daran will zumindest der Hallensprecher gar keinen Zweifel aufkommen lassen. Mehr Nummer-eins-Hits als die Legenden Abba und die Beatles habe der Künstler in Deutschland eingesammelt, heißt es vor dem Konzert in Mannheim. Dann kommt Vladislav Balovatsky alias Capital Bra auf die Bühne. Der Mann mit der Mütze ist ein Phänomen – vom „Wachwechsel im Pop“ schreibt bereits das Fachmagazin Rolling Stone.

Für Capital Bra ist Mannheim die erste Station seiner Tournee, die den 24-jährigen Berliner am kommenden Freitag nach Wien führt. Textsicher singen die 2000 Besucher an diesem Samstagabend Zeile für Zeile mit, ziehen die Endvokale wie der Sänger auf der Bühne: „Weit und breit keine Gegnaaaa, komm wir wechseln das Themaaaa, ich will 22-Zoll-Rädaaaa und die Sitze aus Ledaaaa.“ Die Songs ähneln einander, es geht um Aufsteigerträume und dosierte Kritik am Staat sowie um Mädchen, Mode, Maschinen. In rund 80 Minuten spielt Capital Bra seine Hits, darunter „Cherry Lady“, der derzeit auf Platz eins der österreichischen Charts steht.

Der in Sibirien geborene und in der Ukraine aufgewachsene Capital Bra steht für viele stellvertretend für Straßenrap, der den Weg aus Plattenbauten in Vorstadtvillen gefunden hat. Die Musikform sei längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen, sagt Marcus Kleiner, Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der SRH Hochschule der populären Künste Berlin.

„Bra“ steht für „Brat“, das russische Wort für Bruder. „Brat“ heißt auch ein russischer Kultfilm über einen Außenseiter. Der Rapper zog mit sieben Jahren mit seiner Mutter nach Berlin und wurde durch die Veranstaltung „Rap am Mittwoch“ bekannt. Der Vergleich mit Abba und den Beatles hinkt indes – im digitalen Zeitalter entstehen Hitparaden ganz anders als damals.

Der Reiz bestehe darin, dass Capital Bra aus seiner kleinkriminellen Vergangenheit keinen Hehl mache und die Entwicklung vom „Bordstein zur Skyline“ möglichst authentisch zu inszenieren versuche, sagt Experte Kleiner.

Dabei entbehrt der Erfolg eines aus Sibirien stammenden Rappers in diesen Tagen nicht einer gewissen Ironie. Erst vor Kurzem kontrollierten in Russland Polizei und Geheimdienst Rap-Konzerte und unterbanden sie zum Teil. Rap und andere Formen der Popkultur beruhten auf drei Dingen, kritisierte Kremlchef Wladimir Putin: „Sex, Drogen und Protest.“

Capital Bra habe kein neues Genre geschaffen, sondern sich an ein erfolgreiches Genre erfolgreich angeschlossen, betont Kleiner. In der renommierten Popakademie in Mannheim ist Rap längst Unterrichtsstoff. Manche sehen den Sprechgesang selbst schon als Pop. (TT, dpa)