Letztes Update am Di, 16.04.2019 07:30

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Elina Garanca: „Wir Künstler sind grenzenlos“

Weltstar Elina Garanca über das Besondere am Konzert „Klassik in den Alpen“ und ihre Überlegungen zu Europa, den Gefahren der Klassikwelt und warum sie ihre Kinder eben davor schützen will.

Elina Garanca wird am 6. Juli zum siebten Mal beim „Klassik in den Alpen“ in Kitzbühel auftreten.

© Katharina SchifflElina Garanca wird am 6. Juli zum siebten Mal beim „Klassik in den Alpen“ in Kitzbühel auftreten.



Von Michael Sprenger

Wien – Zum siebten Mal findet heuer das Klassik Open Air in Kitzbühel statt. Einmal mehr im Mittelpunkt steht dabei Weltstar Elina Garanca. Das Konzertereignis steht unter dem Motto „Romantik“. Garanca wird dabei Premieren feiern und Arien singen, die in Kitzbühel noch nicht zu hören waren.

Einen ganz besonderen weiblichen Gast haben ihr Mann, der Dirigent Karel Mark Chichon, und Garanca heuer nach Kitzbühel eingeladen: die amerikanische Sopranistin Nadine Sierra, eine von Publikum und Kritikern umjubelte Newcomerin der Opernwelt. So wird bereits als „die neue Callas“ bezeichnet. Weiters dabei der ukrainische Tenor Dmytro Popov, sowie der Sieger der „ZukunftsStimmen“, einer Nachwuchsinitiative von Elina Garancˇa: der junge österreichische Bass-Bariton Alexander Grassauer.

Umrahmt von der Bergwelt findet am 6. Juli erneut „Klassik in den Alpen“ statt. Inwiefern beeinflusst dieser Rahmen den Ablauf des Open Air Konzerts?

Garanca: Klassische Musik an einem nicht so gewöhnlichen Ort hat eine eigene Energie, ein eigenes Tempo. Dies beeinflusst auch den musikalischen Rhythmus. In Kitzbühel hat man auf den Eindruck dass die Musik schneller fließt als andernorts.

Wie empfinden Sie den Kontakt zum Publikum bei einem Open Air Konzert im Vergleich zu einem Opernhaus.

Garanca: Bei einem Open Air ist die Erwartungshaltung des Publikums völlig anders. Die Atmosphäre ist entspannter, man lässt sich auf die Musik anders ein. Dann muss es auch nicht störend sein, wenn während einer tragischen Arie das Zwitschern eines Vögelchens zu hören ist.

Für das nicht so Opern-affine Publikum wird dadurch auch eine Schwellenangst abgebaut.

Garanca: Das stimmt. Es bietet die Möglichkeit, gemeinsam mit so vielen Menschen unter freiem Himmel das Höchste der klassischen Musik zu erleben. In unserem Programm sind sehr ernsthafte Stücke wie La Traviata, Tosca oder Carmen enthalten, aber eben in einem etwas entspannteren Rahmen. Aber es ist kein Halli Galli.

Sie sind ein Star auf der Opernbühne, werden als beste Mezzosopranistin der Welt bezeichnet. Wir erleben Sie die jüngsten Ereignisse in der Klassikwelt: Von der Me-too-Debatte bis zu den jetzt bekanntgewordenden Übergriffen an der Ballettakademie der Wiener Staatsoper?

Garanca: Leider hat es das immer gegeben. Das „Vorsingen auf der Couch“ war wahrscheinlich immer aktuell, aber es braucht Menschen, die den Mut haben, darüber zu sprechen. Bei meiner Initiative „ZukunftsStimmen“ will ich einfach eine Hilfeleistung anbieten, ein Bezugspunkt sein. Mein Traum ist es, für junge Menschen eine Akademie zu gründen.

Sie sind Mutter, haben selbst zwei Kinder. Würde Sie ihre Kinder dazu ermutigen, ….

Garanca: … um Gottes Willen! Natürlich nicht. Ich habe sehr viele Abende alleine verbracht. Ich habe oft im Hotelzimmer geweint, sehr oft war ich verzweifelt und verängstigt. Meine Kinder haben zu alledem noch einen großen Nachteil: Sie sind Kinder von einem berühmten Vater und einer berühmten Mutter. Sie haben einen schwierigen Weg vor sich, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln.

Sehen Sie sich als politischen Menschen?

Garanca: Jein. Ich bin stolze Lettin. Aber da ich ja immer unterwegs bin, in keinen Land genügend Zeit verbringe, sei es in Lettland oder Österreich, Spanien oder in den USA, kann ich auch nicht behaupten, dass mir die einzelnen Länder politisch vertraut sind. Für uns Künstler gibt es zudem keine Grenzen, wir sind grenzlos, die überall auf der Welt zuhause sind.

Sie sind aufgewachsen in der Sowjetunion. Diese existiert nicht mehr. Sie wurden zur stolzen Lettin, nachdem das Land nach den Jahrzehnten der Unterdrückung in die Unabhängigkeit entlassen wurde. Sie haben als Sängerin die europäische Klassik wie kaum ein anderer verkörpert. Sehen Sie sich als Europäerin?

Garanca: Die Idee Europa lebt in meinem Herzen. Aber ich erkenne gerade für meine Heimat, für kleine Völker, in der Globalisierung auch eine Gefahr, die Einzigartigkeit zu verlieren.