Letztes Update am Mi, 17.04.2019 06:08

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Gitarrist Al Di Meola: Geschichten ohne Wörter

Seit er 19 ist, steht der 64-jährige Al Di Meola mit seiner Gitarre auf der Bühne. Demnächst auch in Imst. Ein Gespräch mit dem schnellsten Gitarristen der Welt.

Am 10. Mai ist Al Di Meola beim TschirgArt-Festival in Imst live zu sehen.

© ImagoAm 10. Mai ist Al Di Meola beim TschirgArt-Festival in Imst live zu sehen.



Sie sprachen kürzlich davon, dass Ihr aktuelles Album „Opus“ in einer sehr schönen Phase Ihres Lebens realisiert wurde. Beeinflusst das Privatleben Ihre Musik?

Al Di Meola: Ja, bestimmt. Unsere Tochter ist in dieser Zeit geboren, in Chemnitz. Meine Frau kommt aus Ostdeutschland. Das war eine sehr friedliche Zeit und das hört man definitiv auch auf der Platte. Auf früheren Alben war schon das Schreiben sehr chaotisch. „Opus“ ist ein sehr enthusiastisches Album geworden.

Wie kann man sich das Schreiben von Musik bei Ihnen vorstellen?

Di Meola: Als einsamen Prozess. Ich muss alleine sein. Ich habe hier in Miami einen wundervollen Raum, in dem ich schreiben kann. Wenn ich die Tür öffne, kann ich das Meer rauschen hören, das liefert die nötige Inspiration.

Wie hat sich Ihrer Meinung nach Ihr Stil entwickelt? „Opus“ unterscheidet sich doch stark von früheren Alben wie etwa „Elegant Gypsy“ von 1977.

Di Meola: Natürlich macht jeder Künstler eine gewisse Entwicklung durch. Das ist elementar für einen Musiker. Mir geht es um die Feinheit in den Stücken, die im Laufe der Jahre immer weiter gestiegen ist. Für einen Komponisten ist es typisch, dass sich die Reife, die Erfahrung auch in der Musik niederschlagen. Bei mir wuchs sozusagen in meinem Inneren etwas heran. In den frühen Kompositionen, die ich natürlich auch noch sehr mag, war ich noch an diesem Rock-Jazz-Sound der damaligen Zeit interessiert, es ging um die Aufregung. Die neueren Stücke verfolgen eine Geschichte. Also eine Story ohne Wörter.

Vom Experiment sind Sie sozusagen in Ihrem Stil angekommen.

Di Meola: So ein fixer Stil ist es gar nicht. Natürlich treibt mich immer noch der Wille zur Verfeinerung an. Ständig will ich besser werden oder mehr machen. Dieser Drive, der einen antreibt, ist noch da.

Ist also schon ein neues Werk in Planung?

Di Meola: Aktuell arbeite ich an einem Tribute an die Beatles. Das habe ich vor ein paar Jahren bereits gemacht und dann auch direkt in den legendären Abbey-Road-Studios in London aufgenommen. Dabei ging es darum, nachzuspüren, wie die Band damals gearbeitet und produziert hat. Ich bin ein sehr großer Fan der Beatles, deshalb jetzt nochmals ein Projekt, das sich mit ihren großartigen Songs auseinandersetzt. Jetzt möchte ich aber mehr von mir selber einbringen, ich spiele alle Instrumente selber ein, das Album wird mehr in meinem Stil. Im Moment höre ich auch wenig Fusion; der Jazz hat sich in eine sehr komplexe, zu technische Richtung hinmanövriert. Im Moment setze ich mehr auf die Schönheit der Einfachheit, auf simple Melodien, schöne Harmonien. Auch weil das das Essenzielle der Musik ist. Dafür stehen die Beatles. Die Platte wird wohl Ende nächsten Jahres herauskommen.

Ist eine Kollaboration geplant? Sie haben ja bereits mit etlichen bekannten Musikern zusammengearbeitet, etwa John McLaughlin und Paco de Lucía.

Di Meola: Natürlich wäre eine Zusammenarbeit mit Paul McCartney ein großer Traum. Schon seit Langem. Ich hoffe, er schätzt das, was ich mit seinen Songs mache. Mir geht es ja darum, in die einfachen, funktionierenden Melodien auch noch Virtuosität hineinzubringen.

Virtuos heißt bei Ihnen auch schnell. Sie galten lange als der schnellste Gitarrist weltweit. Steckt da ein Trick dahinter?

Di Meola: Eigentlich ist die Technik immer eine Frage der Zeit, die man fürs Üben aufwendet. Ich kann den heutigen Aufwand nicht in Stunden pro Tag benennen, aber es waren in meiner Jugend- bzw. Collegezeit schon sechs bis acht Stunden, die ich pro Tag geübt habe. Angetrieben hatte mich damals der Wille, schon als sehr junger Gitarrist sehr weit zu kommen. Mit neunzehn stand ich bereits mit Chick Corea (berühmter US-amerikanischer Jazz-Pianist, Anm. d. R.) auf der Bühne. Das hatte damals auch mit meiner Hartnäckigkeit zu tun. Und natürlich mit einer großen Portion Glück.

Ihre Technik ist aber nicht unbedingt klassisch.

Di Meola: Eine korrekte Technik hat mich auch nie unbedingt interessiert. Natürlich haben klassische Gitarristen eine gewisse Art zu spielen, eine perfekte Handhaltung. Aber im Grunde entwickelt dann jeder seine eigene Technik. Das hat auch mit körperlichen Voraussetzungen zu tun.

Sie haben in Ihrer Karriere schon etwa dreißig Soloalben veröffentlicht und mindestens genauso viele in Zusammenarbeit mit anderen Musikern. Soll es in diesem Tempo weitergehen?

Di Meola: Ich glaube, wenn ich meinen aktuellen Vertrag erfüllt habe, wird es keine neuen Alben mehr geben. Bis dahin sollen aber noch vier, fünf neue Platten kommen.

Und dann kommt der musikalische Ruhestand?

Di Meola: Ich werde natürlich nicht aufhören, auf der Bühne zu stehen. Aber ich glaube nicht, dass die Welt noch mehr neue Musik von mir braucht. Will wirklich jemand ein neues Album der Rolling Stones oder von Paul McCartney hören? Bei mir ist das ähnlich, ich kann auf annähernd 400 Stücke zurückblicken, die ich geschrieben habe. Das ist quasi eine ganze Bibliothek, auf die ich zurückgreifen und die ich anders interpretieren kann. Neue Musik zu schreiben, ist sehr schwierig, Heute geht es außerdem nicht mehr um Platten. Es kauft ja keiner mehr Alben. Es geht mehr um die Live-Performance.

Hört man da Kritik am heutigen System heraus?

Di Meola: Musik heute hat wenig mit dem zu tun, was mich interessiert oder ich gemacht habe. Die sechziger, siebziger Jahre haben so viel verändert. Ich glaube, so eine Phase wird es nicht nochmal geben. Denken wir an die Fünfziger mit Elvis Presley, die britische Invasion mit den Beatles und den Stones und dann der experimentelle Sound mit Fusion und Jazz – dieses Aufeinanderprallen war einzigartig.

Interessieren Sie sich für zeitgenössische Musik?

Di Meola: Ja, einiges interessiert mich schon. Aber es gibt auch viel, das an mir vorbeigeht. Es bleibt mir auch nicht viel Zeit, um mich eingehend mit den Charts zu beschäftigen. Es gibt da aber zum Beispiel diese junge Band, Knower. Sie machen zwar einen ganz anderen Sound als ich, aber trotzdem fasziniert er mich ungemein. Es geht eben immer darum, etwas Einzigartiges zu machen.

Das Gespräch führte Barbara Unterthurner


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