Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 20.04.2019


Osterfestival

Ekstatische Klangwolke beim Osterfestival

Markus Hinterhäuser und Igor Levit bescheren dem Osterfestival Tirol mit Messiaens „Visions de l’Amen“ einen fantastischen Konzertabend für zwei Klaviere.

Kraftakt und Kraftquelle gleichermaßen. Markus Hinterhäuser (l.) und Igor Levit spielen Messiaen in Hall.

© malyshevKraftakt und Kraftquelle gleichermaßen. Markus Hinterhäuser (l.) und Igor Levit spielen Messiaen in Hall.



Von Markus Schramek

Hall – Am Ende huscht ein Lächeln über die Gesichter von Markus Hinterhäuser und Igor Levit. Sie nicken einander anerkennend zu, über die Steinway-Konzertflügel hinweg. Die beiden Klavier-Virtuosen scheinen zufrieden. Es folgt ein Vollbad in den Ovationen des Publikums. Bei diesem brechen vor Begeisterung alle Dämme. Eine Stunde lang war es Augen- und vor allem Ohrenzeuge einer wahren Offenbarung. Das Konzert am Donnerstagabend ist zweifellos ein Highlight des diesjährigen Osterfestivals.

Die beiden international gefeierten Pianisten hüllen das mit 550 Gästen dicht bepackte Haller Salzlager in eine ekstatische Klangwolke. Die „Visions de l’Amen“ des Franzosen Olivier Messiaen liefern hierfür die Zutaten. Ein Werk, entstanden aus Messiaens Erfahrung von Kriegsgefangenschaft. Ein Werk, das die Bandbreite menschlicher Gefühle umfassend abbildet. Hingabe trifft auf Unsicherheit, Leichtigkeit auf Verzweiflung, Pein und Schmerz auf heilende Erlösung. Pathos im besten Sinn, mitreißend, leidenschaftlich.

Markus Hinterhäuser, hauptberuflich Intendant der Salzburger Festspiele, obliegt die Führung. Er gibt das Tempo vor und errichtet eine Klangkulisse mittels gefinkelter Notenfolgen, rasant und bestimmt, dann wieder filigran bis knapp vor der Auslöschung. Hinterhäuser durchlebt diese Musik ganzkörperlich, das spürt man. Er wirkt völlig absorbiert, braust aber kurz auf, als sein Assistent die Noten zu früh umblättert. Nach vollbrachter musikalischer Großtat wirkt Pianist Nummer 1 rechtschaffen erschöpft.

Igor Levit, 30 Jahre jünger, agiert am zweiten Klavier nach außen ruhiger, auch er ist jedoch tief fokussiert. Der gebürtige Russe, in Deutschland aufgewachsen, ist für die „Special Effects“ zuständig: Blitz und Donner im Widerstreit mit hellen Glockenklängen. Im Himmel, bei den Heiligen und Engeln, scheint es ordentlich zur Sache zu gehen. Es ist schlicht faszinierend, zwei solchen Kapazundern auf die Finger zu sehen.

Den stimmungsvollen Auftakt zu diesem denkwürdigen Konzertabend steuert Klarinettist Walter Seebacher bei. Im Halbdunkel spielt er Messiaens „Abîme des oiseaux“. Uraufgeführt in Gefangenschaft 1940, vereint dieses Solo meisterhaft lebhaften Vogelgesang mit der Vorahnung einer unheilvollen Zukunft.