Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 23.04.2019


Osterfestival

Das Sehbare hörbar und das Hörbare sichtbar machen

Schuberts „Unvollendete“ mutiert in Maud Le Pladecs Choreographie als finaler Akt des heurigen Osterfestivals zur Meditation um die Zahl 27.

Eine von „Twenty-seven perspectives“ in Maud Le Pladecs Tanzstück, das in der Innsbrucker Dogana erstmals in Österreich zu erleben war.

© malyshevEine von „Twenty-seven perspectives“ in Maud Le Pladecs Tanzstück, das in der Innsbrucker Dogana erstmals in Österreich zu erleben war.



Von Edith Schlocker

Innsbruck – „Ich stelle mir ,Twenty-seven perspectives‘ als ein Stück mit Resonanz vor, ein leeres Blatt, mit dem ich immer wieder anfang­e“, sagt die junge Französin Maud Le Pladec über ihre Choreographie, die am Sonntag in der Innsbrucker Dogana als Finale des heurigen Osterfestivals Tirol ihre österreichische Erstaufführung erlebte. Zelebriert als aus Franz Schuberts „Unvollendeter“ heraus entwickelter Meditation um die Zahl 27. Sich beziehend auf die Theorien von Rémy Zaugg (1943–2005), dessen Obsession es war, das Sehen zu sezieren.

Le Pladecs Versuch, das Sehbare hörbar bzw. das Hörbare mithilfe von sechs Tänzerinnen und vier Tänzern sehbar zu machen, ist ein interessantes Unterfangen. Wird in ihrem einstündigen Tun doch nicht wie üblich in mehr oder weniger assoziativen Bildern eine Geschichte erzählt, sondern ein abstrakter, wenn auch mit Emotionen aufgeladener Kosmos parallel zu Schuberts Musik entworfen. Indem das Hörbare zur Kraftquelle mutiert, zum Impulsgeber für die tanzenden Körper wird. Wobei für Intuitives kein Platz bleibt, ist es bei der Exaktheit der tanzenden Körper doch unübersehbar, dass hier eine klar definierte Choreographie abläuft.

Die Bühne ist leer, der Boden ist weiß, die Rückwand schwarz. Nach und nach besetzen die zehn Tänzerinnen und Tänzer den Raum. Ihre Bewegungen sind weit ausgreifend, einige hüpfen, einer schlägt ein Rad, jeder ist für sich allein und doch ist es die Musik, die sie verbindet. Dann rotten sie sich fast ängstlich zusammen, ihre Bewegungen werden eckig, erstarren stockend wie in Zeitlupe. Doch die Zäsur ist nur von kurzer Dauer, taucht in den 60 Minuten der „Twenty-seven perspectives“ aber in unregelmäßigen Abständen immer wieder auf.

Harmonien und Disharmonien wechseln sich ab, leise Stellen für die Augen wie die Ohren mit ekstatisch lauten. Berührend ist es, wenn sich einzelne der Tänzerinnen und Tänzer auf ein bestimmtes Instrument einlassen, es fast zu werden scheinen. Bisweilen gibt es aber auch ganz klassische, pathetisch zelebrierte Pas de Deux. Doch die Idylle währt nie lang. Die Blicke und Gesten werden gleichgerichtet, die Einheit mit der Musik wieder hergestellt.

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Ob Schuberts Musik oder die tanzenden Körper in Maud Le Pladecs Choreographie die Nr. 1 spielen, bleibt unentschieden. Aber gerade das verleiht dem konzentrierten Tun Spannung. Bei dem sich die Dissonanzen mehr und mehr glätten, Paare sich stützen und tragen, alle zehn sich die Hände reichen. Bevor sie sich wieder schwindelerregend schnell um sich zu drehen beginnen, nun alle gleich, bis es dunkel wird.