Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 23.04.2019


Musik

Klangfusion in vierter Dimension

John McLaughlin und seine Band „the 4th dimension“ spielten am Ostersonntag im Treibhaus mit den Hörerfahrungen ihres Publikums.

„Wenn ich ,Brexit‘ höre, bekomme ich einen Nervenzusammenbruch“: der britische Ausnahmemusiker John McLaughlin im Treibhaus.

© Gasser„Wenn ich ,Brexit‘ höre, bekomme ich einen Nervenzusammenbruch“: der britische Ausnahmemusiker John McLaughlin im Treibhaus.



Innsbruck – Der Gitarrenguru tunkt seine Finger in ein Fettglas für besseres Saiten­gleiten. Bevor das ausverkaufte Konzert im Treibhausturm beginnt, stellt John McLaughlin seine Mitmusiker vor: „Étienne M’Bappé aus Kamerun am Bass, Ranjit Barot aus Indie­n am Schlagzeug, Gary Husband aus ‚Brexit-Land‘ an Pian­o und Schlagzeug. Ich hass­e solche Menschen, die zwei Instrumente exzellent beherrschen.“ Es ist eine Geste der Wertschätzung für seine Bandkollegen. Auf dieser Bühne herrscht Gleichberechtigung. Auch musikalisch: Die Fusion von Blues und Jazz war höchst dynamisch, die Solizeit minutiös getaktet. So jagt ein extrem schnelles Solo das nächste, ohne sich je in exzessiver Virtuosität zu verlieren. Nichts ließ sich vorhersehen: Angespielte Melodien bogen unvermittelt ab, sprangen zurück und landeten ganz woanders. So stecken gut und gern 20 Lieder in einem. Besonders ersichtlich wird dieses Matrioschka-Verfahren bei der Zugabe „You Know, You Know“, dem Hits aus der Musikgeschichte eingeflochten wurden.

Das alles machte das Osterkonzert von McLaughlin und the 4th dimension zur dichten und anspruchsvollen Hörerfahrung: Jede Melodie, die sich offenbart, ist bereits Vergangenheit, rhythmisches Regelwerk wird erst durch den gezielten Regelbruch sichtbar.

Die Songauswahl war ein wilder Ritt durch John McLaughlins Repertoire von den frühen 70ern bis ins Heute: eine musikalische Missio­n durch Raum und Zeit und über kulturelle Grenzen hinaus. Es gab Exkursionen nach Indien in McLauglins „Mahavishnu-Tage“. Außerdem: Anklänge an die Flamenco-Meisterschaften mit Paco de Lucía und Al Di Meola und seine Kollaborationen mit Carlos Santan­a. Lässt man sich darauf ein, ergeben auch McLaughlins Beschwörungsformeln Sinn: „The creator has a masterplan/peace and happi­ness for everyone.“ Oder das etwas kitschige Mantr­a „Love and Understanding“, das der Gitarrenguru und sein­e Mitstreiter vielstimmig auf die Bühne wuchten – und das sich die Welt auch dieser Tage zu Herzen nehmen sollte. (lg)