Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 17.05.2019


Musik

„Du willst es doch auch“: Rammstein meldet sich zurück

Rammstein will nicht aus Rammstein raus: Ihr heute erscheinendes siebentes Album zementiert das, wofür die deutsche Band steht: harte Provokation.

Nach zehn Jahren Stille meldet sich Rammstein mit einer neuen Scheibe zurück: nicht ganz so versöhnlich, wie es scheint. Denn sie sind immer noch Rammstein geblieben.

© Jens KochNach zehn Jahren Stille meldet sich Rammstein mit einer neuen Scheibe zurück: nicht ganz so versöhnlich, wie es scheint. Denn sie sind immer noch Rammstein geblieben.



Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – „Was ich liebe“, „Diamant“, „Weit weg“. Alles Titel, die gut und gerne auf einer durchschnittlichen Schlagerplatte Platz finden könnten. Seit heute wird man in dieser Hinsicht eines Besseren belehrt, ist das doch eine kleine, feine Songtitel-Auswahl, gefischt aus dem neuen Rammstein-Album. Das inzwischen siebente Studioalbum der deutschen Vermarktungsweltmeister, für das das harte Sextett dieses Mal gänzlich auf einen Titel verzichtet. Stattdessen prangt ein einziges Streichholz auf dem Cover der Platte. Und nicht erst seit der Veröffentlichung der ersten Single „Deutschland“ weiß die aufmerksame Öffentlichkeit: Rammstein zündelt wieder.

Zündstoff lieferte bereits der Trailer für das „Deutschland“-Video, für welches sich die Bandmitglieder als KZ-Häftlinge vor einem Galgen ablichten ließen. Der mediale Aufschrei folgte prompt – und verstummte nach Präsentation des ganzen Videos ebenso schnell: „Deutschland“ peitscht in rund zehn Minuten durch 2000 Jahre deutsche Geschichte. Da können Verbrechen des Nationalsozialismus nicht ausgeblendet werden. Ob man mit NS-Anklängen und kalkulierter Tabubruch-Andeutung Werbung machen muss, ist allerdings eine andere Frage.

Erwartungsgemäß spielt auch das nun veröffentlichte Album ohne Namen mit Reizwörtern: In „Ausländer“ wird das Song-Ich selbst zu einem; Themen wie Pädophilie („Hallomann“) oder Missbrauch in der Kirche („Zeig dich“) öffnen den Popdiskurs für aktuelle Themen. Wirklich eindringlich gerät aber letztlich nur der Song „Puppe“, in dem sich Sänger Till Lindemann an den Rand seiner stimmlichen Möglichkeiten wagt: intensiv. Dann allerdings geht dem Album inhaltlich wie musikalisch die Puste aus: Liebe bedeutet auch bei Rammstein vornehmlich zartes „Herzeleid“.

Auch stilistisch bleiben die Überraschungen im Rahmen; Rammstein will nicht raus aus Rammstein. Und auch wenn hie und da ein Synthiesound (etwa im Intro von „Deutschland“, das eindeutig Anne Clarks „Our Darkness“ zitiert) erklingt, man bei „Radio“ gar meint, da wird auf Kraftwerk verwiesen, donnern auch schon die mächtigen Gitarrenriffs auf die Zuhörer herab.

Rammstein zelebrieren auch nach 25 Jahren „ihre“ Neue Deutsche Härte, die sie von Bands wie Sepultura, Panter­a oder, etwas diffiziler, von Laibac­h abgeschaut haben. Und Rammstein ist damit noch heute kommerziell erfolgreich. Das wirft natürlich Fragen auf: Wäre die Band auch ohne Lindemanns Sprechgesang (mit rollendem „r“) denkbar? Ohne Überdrüber-Pyroshow? Ohne Geisterbahneffekte? Ohne – mitunter platte – Provokation?

Dies bleibt auf dem ersten Album der Band seit zehn Jahren unbeantwortet. Rammstein bleiben sich treu: exakt elf Songs, jeder einzelne mit stampfendem Refrain – und Mitgrölgarantie. „Komm her, du willst es doch auch“, heißt es in der Single „Sex“. Und die Fans werden kommen – und sie werden wollen: springen und singen und sich überwältigen lassen. Und sich hart fühlen, und stark. Und sich als Teil einer herausfordernd radikalen Minderheit wähnen, die schon lange mehrheitsfähig geworden ist. Insofern: Bei Rammstein ist alles beim Alten. Auch provokante Posen können Mainstream werden.

Rock Rammstein: untitled. Universal Music.




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