Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 24.05.2019


Musik

Musik der Schmerzen und der Freuden

Der britische Pianist Paul Lewis ließ zur Eröffnung von Musik im Riesen am Mittwochabend in Wattens wahrlich keine Wünsche offen.

Paul Lewis gewährte tiefe Einblicke in das Werk von Haydn, Brahms und Beethoven im Rahmen der Konzertreihe Musik im Riesen.

© Swarovski KristallweltenPaul Lewis gewährte tiefe Einblicke in das Werk von Haydn, Brahms und Beethoven im Rahmen der Konzertreihe Musik im Riesen.



Von Markus Hauser

Wattens – Als Pianist mit Haydn, Beethoven, Brahms und Co. international Beachtun­g oder gar höchste Wertschätzung zu erlangen, ist ein äußerst schwieriges Unterfangen. Zu groß ist die Zahl der dazu fähigen Interpreten. Einer, der das geschafft hat und allerhöchste Bewunderung genießt, ist der Engländer Paul Lewis. Im Rahmen der Konzertreihe Musik im Riesen gastierte er nach mehreren Jahren zum zweiten Mal in den Kristallwelten und ließ im Eröffnungskonzert mit Joseph Haydns Sonate e-Moll für Klavier Hob XVI: 34, Johannes Brahms’ „Drei Intermezzi op. 117“ und Ludwig van Beethovens 33 Veränderungen C-Dur über einen Walzer von Anton Diabelli, den „Diabelli-Variationen“, wahrlich keine Wünsche offen.

Lewis präsentiert Haydn impulsiv wie gestenreich in einer geradezu plastisch herausmodellierten Deutung. Mit einem ungemein freien Spiel der Motive und Gesten lässt er den Zuhörer spüren, zu welch neuen Formen, die Qualitäten des Unterhaltsamen, subtil Ironischen und Tiefsinnigen vereinend, sich der Ent­deckergeist Haydn aufschwang. Lewis beleuchtet die konkrete wie die abstrakte Seite der Musik Haydns gleichermaßen. Johannes Brahms befundete seine „Drei Intermezzi“ op. 117 als die Wegbegleiter seiner Schmerzen. Ungemein spannungsreich, atmosphärisch dicht, Ton für Ton, Takt für Takt, Phrase für Phrase auf emotionale Befindlichkeiten abgetastet, in den Proportionen exzellent austariert, zeigt sich Lewis als ein mit Brahms zutiefst vertrauter Künstler.

Ludwig van Beethovens Dia­belli-Variationen begegnet Lewis mit geradezu stoischer Konzentration. Nur selten verraten seine Gesichtszüge die in seinem Inneren brodelnden emotionalen Stürme. Finesse und Kultiviertheit, Wärme und Rasanz hält er für das so hermetisch und von immenser Vielfalt der Stimmungen geprägte Werk bereit und seine Freude an den himmelstürmenden Melodien, man hört und spürt sie. So unendlich viel gilt es da zu entdecken an irrwitzigen Ideen und empfindsamen Gedankengängen. Die Tempi sensibelsten Empfindungen geschuldet, so wohl überlegt, bewundernswerte Legato-Gesänge und eine außergewöhnlich breit austarierten Anschlagskultur zeigen den Beethoven-Kenner und -Könner Lewis, an dem an diesem Abend wohl niemand etwas zu bemängeln hatte.