Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 06.06.2019


Musik

Die Lyra von Ur soll wieder brüllen

Der Schwazer Harfenbauer Norbert Maier hat sich dem Nachbau der vermutlich ältesten Lyra der Welt verschrieben. Sie wurde 2003 im Irak zerstört. Seit Jahren arbeitet er mit Experten an dem Friedensprojekt.

Harfenbauer Norbert Maier in seiner Werkstatt.

© DählingHarfenbauer Norbert Maier in seiner Werkstatt.



Von Angela Dähling

Schwaz – Gut Ding braucht Weile. Und neben Geduld und Recherche in diesem Fall auch 1,3 kg Gold. Das ist nur eine von vielen Herausforderungen, die der Instrumentenbauer Norbert Maier für sein einzigartiges Friedensprojekt zu meistern hat: den originalgetreuen Nachbau der vermutlich ältesten Lyra der Welt.

Die „Goldene Lyra von Ur“ wurde zwischen 1927 und 1930 von Leonard Charles Woolley und weiteren Archäologen bei Ausgrabungen am Königsfriedhof von Ur (Irak) freigelegt. „In den Königsgräbern fand man drei dieser Zupfinstrumente. Eines ging nach Pennsylvania, weil die dortige Uni die Ausgrabungen mitfinanzierte, eines nach England. Die schönste, jene Lyra, die im Grab der Königin Puabi gefunden wurde, kam ins Nationalmuseum nach Bagdad“, weiß Norbert Maier. Bis 2003 war die „Goldene Lyra von Ur“, die aus dem Jahr 2700 vor Christus stammen soll, dort zu bewundern. „Im April 2003 kam es im Rahmen von kriegerischen Auseinandersetzungen zu Plünderungen des Museums. Dabei wurde mit dem Saiteninstrument die historische Vergangenheit eines Volkes zerstört“, erklärt der Harfenbauer.

Der Nachbau der „Goldenen Lyra von Ur“ ist bereits weit vorangeschritten.
Der Nachbau der „Goldenen Lyra von Ur“ ist bereits weit vorangeschritten.
- Dähling

Er war damals in Schottland und sah umfassende Berichte dazu im schottischen Fernsehen. Der Wunsch, die Lyra nachzubauen und damit auch seinen Unmut über die Kriegszustände auszudrücken, wuchs. „Aber im Alleingang kann man solche Träume nicht verwirklichen“, stellte der Schwazer nach umfassenden Recherchen darüber, wie und aus welchen Materialien die Lyra geschaffen wurde, fest. Im Laufe der Zeit fanden sich Menschen, die mit ihren Fähigkeiten das Projekt unterstützten. Mit dem irakischen Architekten und Mosaikdesigner Mohamad Al Janabi zeichnete Maier die Entwürfe – basierend auf Fotos des sumerischen Instruments, die Maier in einem Buch über den Irak fand. „Die Handwerker damals haben nach so genannten göttlichen harmonischen Proportionen und gemäß der göttlichen Teilung gearbeitet. Es gab da offenbar ein intuitives Wissen, wie schon die Pyramiden zeigen“, erklärt Maier. Der Holzschnitzer Filip Moroder Doss aus Gröden schnitzte den markanten Stierkopf und dem Innsbrucker Goldschmied Peter Pfötscher obliegt die Vergoldung.

Als Vorlage dienen ihm Fotos aus dem Buch „Unbekannter Irak“, auf denen auch der goldene Stierkopf gut zu sehen ist.
Als Vorlage dienen ihm Fotos aus dem Buch „Unbekannter Irak“, auf denen auch der goldene Stierkopf gut zu sehen ist.
- Dähling

Apropos Gold: Rund 1 Kilo Feingold wird allein zur Vergoldung des Stierkopfes benötigt, ein weiteres Viertelkilo für die Seitenarme. „Das kostet natürlich sehr viel Geld – was ein Grund dafür ist, dass wir das Projekt zwischenzeitlich einige Jahre auf Eis gelegt hatten“, sagt Maier. Dem Tuxer Florian Warum sei es zu verdanken, dass das Ganze dann wieder Fahrt aufnahm. „Er macht die Öffentlichkeitsarbeit, kümmert sich ums Sponsoring und die politischen Kontakte, ohne die es nun einmal nicht geht“, erklärt der Schwazer Harfenbauer. So zählen die irakische Botschaft und das österreichische Außenministerium nun zu jenen, die das Projekt unterstützen. Wobei: Ausfinanziert ist es noch nicht. Über den neu gegründeten Verein Friedenssaiten hoffen die Projektanten auf weitere Unterstützer. Denn an der Lyra sind noch einige Feinarbeiten zu machen.

Handwerklich gestartet werden konnte, nachdem irakisches Zedernholz laut Maier in geheimer Mission vom Irak in den Süden Englands geliefert worden war. „Dort holte ich es ab und wir konnten es bei einer Rosenheimer Firma fachgerecht trocknen lassen“, blickt Maier zurück. Die Münchner Mineralienfreunde kümmern sich um das Schneiden der Steine für die Mosaike. 3000 Steinchen kommen zum Einsatz: Lapislazuli, Perlmutt und roter Kalkstein oder Marmor. Das stehe nicht ganz fest. Auch die Anzahl der Saiten und vor allem deren Klang ist ein Rätsel. „Die Saiten waren zerstört, vermutlich waren sie aus Darm“, sagt Maier, der seinen Nachbau mit elf Saiten zum Klingen bringen will. Beziehungsweise zum Brüllen. „Denn auf einer Keilschrifttafel in Ur stand zu lesen: Die Lyra brüllte wie ein Stier. Der Schutzgott der Stadt war ein Stier“, sagt Maier. Wie das Instrument gestimmt war, weiß also niemand. Aber das Ziel der Aktion steht fest: Der Nachbau der vermutlich ältesten Lyra der Welt soll dem Nationalmuseum in Bagdad als Geschenk übergeben werden.


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