Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 13.06.2019


Musik

Kitsch, herzerwärmend schön: Bruce Springsteen mit neuem Album

Bruce Springsteens 19. Studioalbum „Western Stars“ verzückt das Ohr mit geschliffenen Orchesterklängen. Es ist das sehnsuchtsvolle Spätwerk eines Haudegens der Rockmusik.

Auf und davon – egal wohin. Bruce Springsteens neue Songs künden von Sehnsucht und Fernweh.

© Columbia(Sony)Auf und davon – egal wohin. Bruce Springsteens neue Songs künden von Sehnsucht und Fernweh.



Von Markus Schramek

Innsbruck – Vom besseren Leben hat Bruce Spring­steen immer schon geträumt. Dem mit Casinos bestückten Küstenort Atlantic City im heimatlichen New Jersey setzte er 1982 musikalisch ein Denkmal. Zwei Jahre zuvor behandelte das epochale Doppelalbum „The River“ allerhand (zerplatzte) Hoffnungen. Und 2009 bastelte der – so peinlich wie unvermeidbar – als „The Boss“ apostrophierte Mega-Star auf „Working on a Dream“ noch immer an seiner Traumlandschaft. In schönen Bildern beschriebene Tagträumerei trifft eben den Nerv der Massen.

Morgen Freitag meldet sich Springsteen, nach 236 Konzerten im kleineren Rahmen am New Yorker Broadway, zurück in den Musikplattformen und in den spärlicher werdenden Plattenläden: „Western Stars“, das 19. Studioalbum, kommt offiziell heraus.

Drei Singles gab es als Appetithappen vorab. Entsprechend viel wurde über den neuen Longplayer, das erste Studioprodukt seit fünf Jahren, getuschelt. Der dabei gelesene Kaffeesud übertrifft locker die Ein-Meter-Marke.

13 neue Tracks später ist man so klug wie zuvor: Springsteen klingt auf dem Neuling astrein nach Spring­steen, unverkennbar die Harmonien und Melodien, unnachahmlich der schmachtend-kumpelhafte Gesang.

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In den Schmalztiegel greift der Gitarrist, Sänger und Songwriter ausgiebigst. Die Pedal-Steel-Gitarre steuert honigsüße Akkorde bei; ein kleines Orchester samt Bläsern und Streichern unterlegt gesungene Anekdoten. Selten war Kitsch so schön und herzerwärmend.

1984 thematisierte Spring­steen auf dem (vielfach als Patriotismus missverstandenen) Album „Born in the USA“ das Vietnam-Trauma einer Großmacht. Seither gilt er in den Staaten als links, pazifistisch und anti-imperialistisch, als jemand, der seiner Heimat den Spiegel vorhält – zur kritischen Selbstbeschau.

Auf „Western Stars“ verkneift sich der zwischenzeitlich mit einem Oscar und 20 Grammys dekorierte Musiker hingegen große Ansagen oder gar ein direktes Anecken an Herrn Trump und dessen Politik. Vielleicht hat Amerikas Rockidol Nr. 1 resigniert ob der Zustände vor der Haustür. Vielleicht will er auch bloß in Ruhe musizieren. Oder ist es wachsende Altersmilde? Im Herbst wird Springsteen 70.

„Western Stars“ ist randvoll mit Stereotypen des (zumindest geografisch unbestritten) großen Landes jenseits des Atlantiks. Egal, wo man hinhört: Fernweh und immense Lust, sich davonzumachen, ins Blaue, am besten westwärts, prägen Springsteens neuestes Schaffen.

Die titelgebenden „Western Stars“ glänzen verheißungsvoll vom Himmel. Songs wie „Hitch Hikin’“ (auf Deutsch „Autostoppen“) oder „The Wayfarer“ bieten den idealen Soundtrack für eine Stimmung des „Auf und davon“.

Orchestraler Wohlklang und herzhafte „Shalalas“ aus der Kehle von Background-Sängerin Patti Scialfa (Spring- steens Ehefrau) verkürzen die Wartezeit am Straßenrand. Und wer als Anhalter übrig bleibt, kann sich in „Sleepy Joe’s Café“ stärken, auch wenn dessen Chef von der schläfrigen Sorte zu sein scheint.

Streckenweise, wenn auf Gesang und akustisches Gerät reduziert, erinnert „Western Stars“ an das Album „Devils & Dust“ von 2005, freilich ganz ohne dessen düstere Referenzen an damals aktuelle Kriegsschauplätze. So klingt Springsteen eben, wenn er das Studio ohne E Street Band betritt, die dort ihre rohe, handwerklich-krachende Art des Rock einbringen würde.

Hat die Welt auf Spring­steens Neunzehnte gewartet? Die Fangemeinde rund um den Globus wird nicht enttäuscht sein. Zwar fällt die Produktion deutlich in die Kategorie „altbewährt“. Es fällt aber trotzdem schwer, den Aus-Knopf zu drücken.

Gut möglich, dass die Tracks von „Western Stars“ auf Dauerschleife im Hintergrund dahindüdeln, unaufdringlich und ohrenfreundlich.

Träumer sind wir schlussendlich alle, von einer besseren Welt oder wovon auch immer.

Pop-Folk-Rock Bruce Springsteen: „Western Stars“. Columbia/Sony.