Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 18.06.2019


Musik

“Horizonte“ in Landeck: Raserei und Sehnsuchtsmelodien

Das Finale von „Horizonte“ setzte auf Unkonventionelles von Friedrich Gulda.

Sebastian Bru, Cellist bei den Wiener Philharmonikern, spielte zum Finale der Festwochen auf dem Landecker Stadtplatz groß auf.

© Markus HauserSebastian Bru, Cellist bei den Wiener Philharmonikern, spielte zum Finale der Festwochen auf dem Landecker Stadtplatz groß auf.



Landeck – Es gibt kaum ein Musikstück, das gleichermaßen in einen exklusiven Konzertsaal wie in ein Bierzelt passt: Friedrich Gulda­s Konzert für Cello und Blas­orchester. 1980 für den Cellisten Heinrich Schiff geschriebe­n, vereint das Werk E- und U-Musik genial.

Zum Finale der Festwochen Landeck Horizonte war es weder der Konzertsaal noch das Bierzelt, sondern der Stadtplatz, auf dem Sebastian Bru, Cellist der Wiener Philharmoniker, sein Musikerherz am Genre-Mix aus alpenländischer Melodie, Funk, Rock, Jazz und großer romantischer Geste ausleben durfte. Mit einem Ensemble der Stadtmusikkapelle Land­eck unter der Leitung von Helmut stand ein­e der besten Blasmusikformationen des Landes hinter Bru.

Wenn es nach flippiger Ouvertüre und idyllischem Ländler an die groß angelegte, virtuose Cello-Kadenz geht, dann ist eine entfesselte Raserei angesagt. Zwar ist die Kadenz ausgeschrieben, Freiheiten bietet sie dennoch zuhauf. Der mit den unterschiedlichen musikalischen Genres vertraute Sebastian Bru, er stand schon mit Rudolf Buchbinder oder Ildikó Raimondi auf der Bühne, nützt diese Freiheiten höchst kreativ. Die technisch extremen Herausforderungen, man denkt bei der Kadenz unwillkürlich an Dmitri Schostakowitsch, serviert er mit ausgefeilter Technik. Es kratzt, wo es kratzen muss, singt und lacht, wo es soll, ist transparent und intim, aufreibend und besänftigend. Einem höfischen Tanz gleich, glättet Bru im vierten Satz sinnbildlich die Wogen, ehe er im Finale alla marcia ins Bierzelt lädt und mit ungestümem Temperament Volksfestlaune versprüht.

Die Stadtmusikkapelle Land­eck gelingt ein schlüssiger Gesamtklang, wohldosiert und transparent. Weshalb die Stadtmusikkapelle Land­eck bei den renommiertesten Blasmusikwettbewerben Europas für ihre Leistungen mehrfach vergoldet wurde, erschloss sich auch in großer Besetzung im ersten Teil des Programms mit Werken von Franz von Suppé, Thomas Doss, John Williams und Samuel Hazo. Feinarbeit quer durch die Stimmen, detailreicher Tiefenklang, rhythmische Präzision und der Mut zum Kontrast. Kammer­musikalische Feinheit gepaart mit bläsersinfonischen Qualitäten. (hau)