Letztes Update am Mi, 03.07.2019 09:57

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Erl im Sommer nach Kuhn: Dirigentin Saint-Gil im Interview

Viele neue Gesichter bei den Tiroler Festspielen. Die Französin Audrey Saint-Gil dirigiert den Publikumsmagneten „Aida“.

Die Französin Audrey Saint-Gil.

© M. SchramekDie Französin Audrey Saint-Gil.



Von Markus Schramek

Erl – Lokalaugenschein im Festspielhaus Erl, wo Bundespräsident Alexander Van der Bellen morgen Abend das Sommerfestival eröffnet. Es wird ein Sommer ohne Wagner-Opern und ohne Gustav Kuhn. Der einst allmächtige Festspielgründer musste zurücktreten, als Folge von Vorwürfen, wonach er Künstlerin­nen sexuell belästigt habe.

Kuhns Stellvertreter Andreas Leisner zeichnet für die Sommerfestspiele verantwortlich. Es ist ein undankbarer Job und eine Intendanz auf Abruf. Denn mit 1. September übernimmt Bernd Loebe, der Chef der Oper Frankfurt, zusätzlich auch das Ruder in Erl. Loebe hat personell die Weichen gestellt. Er hat den deutschen Kulturmanager Marcus Küchle aus den USA zurückgeholt und zum Vize in Erl gemacht. Leisner wird wohl gehen.

Viele neue Gesichter eilen in den letzten Probetagen durch das Festspielhaus. Die Französin Audrey Saint-Gil ist unter den Neuankömmlingen. Sie gilt als kommender Star unter den Dirigentinnen und wird bei ihrem Debüt in Erl Verdis „Aida“ musikalisch leiten.

Die drei „Aida“-Termine sind gut gebucht. Doch sonst gibt es noch massenhaft Karten, vor allem im Konzertbereich (siehe Kasten unten). Setzt nun der befürchtete Exodus der Kuhn-Fans ein? Abgerechnet wird aber erst am 28. Juli, zum Ende der Spielzeit.

Dirigentin Saint-Gil lebt in Philadelphia in den USA. Sie hat von der Affäre Kuhn nichts mitbekommen, kennt den Maestro auch nicht. Zum TT-Gespräch erscheint sie mit ihrem Lebensgefährten Christopher Maltman. Der ist schon jetzt ein Star in der Opernwelt und gerade auf dem Weg zu Proben bei den Salzburger Festspielen: Bariton Maltman gibt im August in George Enescus Oper „Oedipe“ die Titelrolle.

Doch zuvor wird der Brite seiner Partnerin Audrey Saint-Gil bei deren „Aida“-Premiere in Erl am 6. Juli zur Seite stehen. Die zierliche Französin sprüht vor Wortwitz, Energie und Tatendrang.

Da geht’s lang. Dirigentin Audrey Saint-Gil fährt fanatisch gerne Motorrad, eine zufällige Parallele zu Ex-Intendant Gustav Kuhn.
Da geht’s lang. Dirigentin Audrey Saint-Gil fährt fanatisch gerne Motorrad, eine zufällige Parallele zu Ex-Intendant Gustav Kuhn.
- TFE

„Aida“ wird Ihr erster Auftritt bei den Tiroler Festspielen in Erl überhaupt. Wie nervös sind Sie?

Audrey Saint-Gil: Machen Sie Witze? Ich bin wahnsinnig nervös. Ich dirigiere „Aida“ zum ersten Mal, und ich bin erstmals in Erl. Nervosität gehört einfach dazu. Es gab einmal folgenden Dialog zwischen zwei Künstlerinnen: Die eine sagte: „Wenn ich auf die Bühne gehe, bin ich überhaupt nicht nervös.“ Darauf meinte die andere: „Ach, die Nervosität wird schon kommen als Folge von Talent.“

Wie wurde Ihr Engagement in Erl eingefädelt?

Saint-Gil: Ich kam gerade aus den USA nach Europa zurück, da fragte mich mein Agent: „Wie wäre es mit ,Aida‘ in Erl diesen Sommer?“ Meine Antwort: „Ja, klar, warum nicht.“ Dabei hatte ich überhaupt keine Ahnung, wo Erl ist.

Gefällt es Ihnen in dieser ländlichen Umgebung?

Saint-Gil: Es ist wunderbar hier. Man ist sofort im Grünen, dazu kurze Wege nach München und Salzburg, und die Berge. Ich könnte mir gut vorstellen, mich mit meinem Lebensgefährten Christopher hier niederzulassen. Wir werden die USA verlassen.

Sie waren lange Zeit Stimmtrainerin, probten mit Sängerinnen und Sängern am Klavier. War es Ihr Ziel, Dirigentin zu werden?

Saint-Gil: In jungen Jahren nicht. Stimme und Gesang haben mich aber immer fasziniert. Und das Dirigieren ist mir dann irgendwie zugefallen. Es gab einen Augenblick, da sagte ich mir: „Ich muss und will dirigieren.“ Seit drei Jahren tue ich das auch.

Würden Sie sich als strenge Dirigentin bezeichnen?

Saint-Gil: Ich werde nicht laut, und ich schimpfe nicht mit dem Orchester. Ich rede überhaupt nicht viel. Ich arbeite mehr telepathisch. Ich muss ja rechtzeitig anzeigen, was als nächstes kommt.

Worauf dürfen sich die Besucher von „Aida“ musikalisch einstellen?

Saint-Gil: Ich bin ein großer Fan der italienischen Oper und deren Komponisten. Alle meine musikalischen Götter sind also tot, mein Lebensgefährte ausgenommen (lacht). Ich bin altmodisch, was diese Opern anbelangt. Da gibt es keine Experimente. Ich kenne die Partitur auswendig.

Wie verläuft die Zusammenarbeit mit dem Festivalorchester in Erl?

Saint-Gil: Das Orchester folgt mir so gut, dass ich mir manchmal sage: „Da muss jemand hinter mir stehen, der so gut dirigiert, dass es so gut klingt.“ Das Orchester besteht zu drei Vierteln aus Weißrussen, ein Viertel sind Italiener. „Aida“ klingt inzwischen wirklich sehr Italienisch.

Wie verhalten Sie sich als Dirigentin gegenüber den Sängerinnen und Sängern?

Saint-Gil: Ich verlange von den Sängern sicher auch sehr viel. Wenn es nicht so klingt, wie ich es will, singe ich es mit meiner „schrecklichen“ Stimme vor, egal ob Sopran oder Tenor, jede Stimmlage, Frau und Mann. Natürlich hilft es mir, dass ich genau weiß, wie eine Stimme funktioniert.

Wird es eine längerfristige Zusammenarbeit mit Erl geben?

Saint-Gil: Ich würde mich freuen, wenn ich wieder hier dirigieren darf.

Sie und ihr Lebensgefährte haben ein nicht ungefährliches Hobby: Sie fahren Motorrad, auch auf Rennstrecken.

Saint-Gil: Ich fahre schon lange Motorrad, viel länger als Christopher. Er ist aber schneller. Und das ärgert mich. Er ist so ehrgeizig.

Sommer-Festspiele in Erl, 4. bis 28. Juli

Nach der Eröffnung am Donnerstag – u. a. Bela Bartóks „Konzert für Orchester“, gespielt vom Orchester der Festspiele Erl unter dem Dirigat von Tito Ceccherini – stehen vier Opern im Mittelpunkt des Interesses. Am 5. Juli ist die Kammeroper „Caliban“ von Moritz Eggert als österreichische Erstaufführung zu sehen. „Aida“ mit Audrey Saint-Gil am Dirigentenpult hat am 6. Juli Premiere (weitere Termine: 12. und 19. Juli). „Die Vögel“ von Walter Braunfels unter der musikalischen Leitung von Lothar Zagrosek (20. und 27. Juli) sowie „Guillaume Tell“ von Gioachino Rossini (Dirigat: Michael Güttler) am 13. Juli komplettieren das Opern-Programm.

Die Camerata Salzburg debütiert mit zwei Konzerten im Festspielhaus. Bei der ersten Soiree (7. Juli) dirigiert Jungstar Patrick Hahn den Salzburger Traditionsklangkörper. Das zweite Konzert (14. Juli) leitet Hans-Jörg Schellenberger.

Karten und Infos im Internet unter www.tiroler-festspiele.at. Es gibt noch viele Tickets.