Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 17.07.2019


Musik

Beständig auf der Suche nach Weltschmerz

Thom Yorkes drittes Studioalbum „Anima“ ist da. Alte „Radiohead“-Harmonien werden elektronisch gesampelt oder über Bord geworfen.

Thom Yorke live auf seiner aktuellen „Anima“-Tour.

© ImagoThom Yorke live auf seiner aktuellen „Anima“-Tour.



Innsbruck – „Who are these people? I’m in black treacle“ – die Verzweiflung ist einem im schwarzen Sumpf an Unsicherheiten watenden Thom Yorke nicht nur in den Anfangslyrics von „Not The News“ anzuhören. Auch in den restlichen Songs seines neuen, inzwischen dritten Studioalbums „Anima“ gibt der Weltschmerz (wieder) den Ton an. Damit schlägt der Frontmann der Alternative-Rocker Radiohead bedeutungsschwer in eine Kerbe, die er selbst mit seiner 1985 gegründeten Band bereits etliche Male bearbeitet hat. Die Loserhymne „Creep“ ist kommerzieller Höhepunkt einer Attitüde. Auch im neuen Soloalbum zeigt sich: Yorke brennt einiges an Melancholie auf der Seele – ein Ventil, ja richtiger Stil scheint aber gefunden.

Eine Entwicklung, die sich schon zu Radiohead-Zeiten angebahnt hatte: Mit Produzent Nigel Godrich, der bald vom Tontechniker quasi zum „sechsten“ Mitglied aufstieg, wurde der kreative Impetus von Frontmann Yorke vorangetrieben. Ihre klanglichen Experimente sowie das ausgeklügelte Artwork ließen Radiohead beständig ausbrechen aus der Schiene Alternative Rock.

Ebenso beständig, wenn auch um einiges radikaler, sind Godrich und Yorke bei „Anima“. Auch, weil es sich klanglich komplett von Radiohead (und Yorkes erster Soloplatte „The Eraser“) abhebt: Das Spektrum ist weiter, die Experimentierfreude größer. Die Songs bestehen aus elektronisch erzeugten Tonabfolgen, die live im Studio gesampelt wurden. Yorkes zarte Stimme mutiert zum Rhythmus-Apparat: gut hörbar im treibenden Opener „Traffic“. Atmosphärischer ist „Last I Heard“, textlich interessant: „Not The News“ oder „The Axe“, wo sich das Ich eine unheimliche Maschinenwelt adressiert. Wer Radiohead bei Yorke vermisst, der genieße „Impossible“, das den alten harmonischen Kadenzen irgendwie nacheifert.

Kaum Wärme liefert aber der Kurzfilm, der begleitend zum Album derzeit auf Netflix läuft. Von Paul Thomas Anderson orchestriert, taucht Yorke hier inmitten von erschöpften Tänzern – mehr Maschinen denn Menschen – in ein dystopisches Prag ab. Wie immer: Yorke ist hochbrisant, aber keine einfache Kost. (bunt)

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Alternative/Electronic Thom Yorke: Anima. XL Recordings.




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