Letztes Update am Mi, 17.07.2019 10:03

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

58 Minuten Schlussapplaus: Edita Gruberová im TT-Interview

Star-Sopranistin Edita Gruberová hat sich von der Oper verabschiedet. Im TT-Gespräch erinnert sie sich an ihre Anfänge in Österreich, an große Namen am Dirigentenpult und die anfängliche Angst vor der Kritik.

Stationen einer großen Karriere. Edita Gruberová bei einem Liederabend in Prag...

© imago/CTK PhotoStationen einer großen Karriere. Edita Gruberová bei einem Liederabend in Prag...



Von Markus Schramek

Bad Häring – „Primadonna assoluta“, „Königin der Koloraturen“ oder einfach „Die Gruberová“: Koloratursopranistin Edita Gruberová trägt viele schmückende Beinamen. Gefeiert auf Opernbühnen zwischen Wien, Mailand und New York, beendete die gebürtige Slowakin mit 72 ihre große Opernlaufbahn.

Starallüren? Fehlanzeige! Locker und mit viel Humor blickt Gruberová im TT-Gespräch auf fünf Karrierejahrzehnte zurück. Treffpunkt ist Bad Häring im Unterland. Dort leitete Gruberová einen Meisterkurs für sängerischen Nachwuchs im Rahmen der „Academia Vocalis“.

Als Königin Elisabetta in Donizettis „Roberto Devereux“ nahmen Sie am 27. März 2019 Abschied von der Oper. Wie lange dauerte der Schlussapplaus in der Bayerischen Staatsoper?

Edita Gruberová: 58 Minuten waren es. Es hätte schon eine Stunde sein können, finden Sie nicht auch? Aber Scherz beiseite: Das waren unglaubliche Ovationen, alle sind gestanden. Ich habe nicht geweint, sondern den Abend genossen. Ich bin sehr dankbar und auch erleichtert.

Die Oper fehlt Ihnen nicht?

Gruberová: Ich habe keine Entzugserscheinungen. Der Zeitpunkt war richtig. Ich konnte noch singen, was ich wollte, und meinen Ansprüchen genügen. Ich hatte zuletzt meine Opernrollen ja schon reduziert. Ich bin seit meinem Debüt 1968 in Bratislava über 51 Jahre auf Opernbühnen gestanden. Und Liederabende singe ich auch weiterhin.

...in jüngeren Jahren...
...in jüngeren Jahren...
- imago/Leemage

Sie sind zwischen Bratislava und Wien gependelt, ehe Sie 1971, zu Zeiten des Eisernen Vorhangs, im Westen geblieben sind.

Gruberová: Ich musste in der damaligen Tschechoslowakei jede Woche eine Ausreisegenehmigung beantragen und wusste nicht, wie lange diese noch gewährt wird. Also fuhr ich mit meiner Mutter und meinem Mann nach Wien und kehrte nicht zurück.

War es der berühmte Sprung ins kalte Wasser?

Gruberová: An der Staatsoper hatte ich als Elevin einen befristeten Vertrag, und ich konnte kein Deutsch, lernte es aber schnell. Das Wienerische ist ja sehr speziell. Ich wunderte mich, warum der Portier mittags beim Verlassen des Hauses „Mahlzeit!“ rief. Ich dachte, das sagt man nur am Esstisch.

Die Suche nach einer Gesangslehrerin gestaltete sich zunächst schwierig.

Gruberová: Ich ging zu anerkannten Ausbildnerinnen. Doch eine konnte mir nicht erklären, wie ich singen sollte, eine andere war ständig heiser. Mit Kammersängerin Ruthilde Boesch hat es dann geklappt. Mit ihr habe ich an meiner Stimme gearbeitet.

Sehr viel später änderten Sie Ihre Gesangstechnik noch einmal. Wie kam das?

...und an der Seite von Mezzosopranistin Ell¯na Garancˇa im Jahr 2008
...und an der Seite von Mezzosopranistin Ell¯na Garancˇa im Jahr 2008
- imago/SKATA

Gruberová: 2006 traf ich Stimmtrainerin Gudrun ­Ayasse in München. Die hörte mich singen und meinte dann: „Alles wunderbar, aber ein bisschen daneben.“

Frau Ayasse hat Ihre Technik als nicht korrekt empfunden? Sie waren damals ja längst ein Weltstar.

Gruberová: Ich hatte 30 Jahre technisch anders gesungen und entschied mich umzustellen, was schwer war, weil gegen meine Gewohnheit. Ohne die neue Technik könnte ich in meinem Alter vieles nicht mehr singen. Bis zum „e“ komme ich immer noch hinauf, das ist nur einen halben Ton unter dem „f“, dem höchsten Ton der „Königin der Nacht“ aus Mozarts „Zauberflöte“, die ich oft gesungen habe. Die Höhe verliert man nicht, wenn man ein gutes technisches Fundament hat.

Sie sind österreichische Staatsbürgerin, leben aber seit über 30 Jahren in Zürich in der Schweiz. Warum sind Sie noch einmal in ein anderes Land gegangen?

Gruberová: Ich verdanke Österreich viel. Ich wurde hier aufgenommen, und hier begann meine Karriere. Aber ich bezahlte zuletzt 62 Prozent Steuern. Von 100 Schilling blieben mir 38, dabei war ich kaum in Österreich, weil ich auf der ganzen Welt unterwegs war. Also bin ich in die Schweiz übersiedelt.

Wie war Ihr Verhältnis zu den Opernkritikern in den Medien?

Zur Person

Edita Gruberová wurde 1946 in Bratislava, damals Tschechoslowakei, heute Slowakei, geboren. Ihre Karriere als gefeierte Koloratursopranistin begann in den 70er-Jahren an der Wiener Staatsoper. Es gibt kein bedeutendes Opernhaus, an dem Gruberová nicht zu hören war.

Zu ihren Paraderollen

zählen die „Königin der Nacht“ in Mozarts „Zauberflöte“, die „Lucia“ in Donizettis „Lucia di Lammermoor“ und die Violetta in Verdis „La Traviata“.

Gruberová

ist österreichische Staatsbürgerin, sie lebt aber in der Schweiz. Von ihrem Mann, mit dem sie zwei Töchter hat (48 und 43 Jahre alt), hat sie sich getrennt.

Gruberová: Vor ORF-Kulturjournalist Karl Löbl habe ich mich am Anfang richtig gefürchtet. Er hat mich einmal als „Megäre aus Wieden“ bezeichnet, als böses singendes Tratschweib. Und meine Koloraturen seien „wie aus einer Maschine“. Über solche Beschreibungen war ich schon sehr unglücklich.

Gab es auch im Ausland negative Kritiken?

Gruberová: Bei einem Liederabend in New York wurde einmal mein Kleid als „zu europäisch“ bekrittelt. Das war offenbar wichtiger als die Stimme. Ich bin nicht sehr oft in den USA aufgetreten. Das ist nicht meine Welt. Ich sang schöne Opern an der „Met“ in New York wie „La Traviata“ mit Dirigent Carlos Kleiber und Regisseur Franco Zeffirelli. Warum muss die „Met“ aber so riesig groß sein? Das verstehe ich nicht. Da fragt man sich auf der Bühne: „Wo ist meine Stimme?“

Mit wem haben Sie besonders gerne gearbeitet?

Gruberová: Kleiber war ein Traum und auch ein Schrecken. Man musste herausfinden, was er wollte. Einmal meinte er, der Gesang solle klingen „wie ein Eisbär“, der daherwatschelt. Auch Regisseur Giorgio Strehler war ein Genie und natürlich Dirigent Herbert von Karajan. Der hatte eine unglaubliche Ausstrahlung. Wenn er auftauchte, wurden selbst Opernstars wie Agnes Baltsa oder José Carreras zu Schülern.

Machten Sie auch unangenehme Erfahrungen mit männlichen Kollegen?

Gruberová: Nein, wahrscheinlich galt ich als unnahbar. Ich finde es aber toll und richtig, dass sich Frauen zur Wehr setzen, wenn sie belästigt werden.

Sie geben Ihr Wissen nachkommenden Sängerinnen in Meisterklassen weiter. Wozu raten Sie?

Gruberová: Die Gefahr, dass man abstürzt, ist sehr groß. Intendanten, Direktoren und Agenten brauchen immer frisches Blut. Es warten viele, die nachrücken wollen. Wenn zu viel gesungen wird und die Technik nicht passt, ist es mit der Stimme aber rasch vorbei. Man braucht als Künstlerin jemanden, der einen an der Hand nimmt. Man muss auf die Stimme achtgeben.

Edita Gruberová leitete einen Meisterkurs für Sängerinnen in Bad Häring. Am Rande dieser Veranstaltung fand sie Zeit für ein Interview mit der TT.
Edita Gruberová leitete einen Meisterkurs für Sängerinnen in Bad Häring. Am Rande dieser Veranstaltung fand sie Zeit für ein Interview mit der TT.
- Schramek