Letztes Update am Do, 25.07.2019 10:11

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Franz Hackl: „Mich interessiert großartige Musik“

Franz Hackl trat in die Fußstapfen seines berühmten Vaters Franz Hackl senior. Bis heute tüfteln die beiden in der hauseigenen Werkstatt.

Wenn Ausnahme-Trompeter Franz Hackl aus New York anreist, ist es Zeit für das „Outreach“-Festival in Schwaz. Ein Gespräch über das Miteinander im Jazz, eine gestohlene Trompete und Online-Unterricht vom Auto aus.

© Foto TT/Rudy De MoorWenn Ausnahme-Trompeter Franz Hackl aus New York anreist, ist es Zeit für das „Outreach“-Festival in Schwaz. Ein Gespräch über das Miteinander im Jazz, eine gestohlene Trompete und Online-Unterricht vom Auto aus.



Das diesjährige „Outreach“ startet heute mit den Workshops, das Festival in einer Woche. Wie wichtig sind beide Komponenten?

Franz Hackl: Ein derartiges Festival, in dem Workshop und Konzert absolut gleichwertig sind, gibt es sonst nirgends. Die beiden gleichwertigen Säulen gehören zu unserem Leitmotiv. Die Idee, Unterricht und Konzert zusammenzubringen, spiegelt auch wider, wie der Jazz sich entwickelte. Das hatte immer mit „learning by doing“ zu tun. Die akademische Vermittlung entstand erst mit der Zeit und war auch sehr von Weißen dominiert. Bebop oder Afro-Cuban entwickelten sich aber in den Clubs. Das ist ein ganz anderer Zugang als der akademische. Wenn man bei Festivals 70 Top-Musiker in ein Hotel steckt und nichts Gemeinsames entsteht, ist das eine Verschwendung von Talent; man trifft sich höchstens auf einen Drink an der Hotelbar.

Welche Vorteile übersehen viele?

Hackl: Ein Miteinander entsteht. Das Wichtigste in der Musik ist schließlich Kommunikation.

Das „Outreach“ nennt sich inzwischen bewusst nicht Jazzfestival, sondern „Musikfestival“. Warum?

Hackl: Jazz ist ein sehr weites Feld, von Keith Jarrett übers Vienna Art Orchestra zu Count Basie. Es gibt wohl keinen anderen Begriff in der Musik, der so viel einschließt. Mich interessiert bei „Out­reach“ aber noch viel mehr: einfach großartige Musik. Das ist auch Barock, Klassik; heuer beschäftigen wir uns beim Eröffnungskonzert zum Beispiel mit Händel. Ich bin der Meinung, es ist wichtiger, wie man etwas spielt, und nicht was man spielt. Je mehr Stile ein Musiker beherrscht, desto größer ist sein Klangspektrum. Das ist ein freundlicher Arschtritt: Ein Musiker muss fit bleiben, sich für die Vielfalt interessieren. Beim Improvisieren muss man dieses Spektrum jederzeit abrufen können.

Anderen Disziplinen gegenüber ist das „Outreach“ inzwischen auch offen.

Hackl: Wir haben inzwischen mehr Möglichkeiten. Bildende Künstler sind dabei, Autorin Carolina Schutti hat heuer eigens ein Stück fürs „Out­reach“ geschrieben. Alle Künste sind bei uns gleichberechtigt. Dieser übergreifende Ansatz ist ganz natürlich. Das passt auch zu allen Künstlern, die nach Schwaz kommen.

Die meisten Musiker kommen aus Ihrer New Yorker Szene. Wie kann man sich die heute vorstellen?

Hackl: In New York gibt es schon dieses Miteinander – natürlich auch Konkurrenz, aber jeder vergönnt dem anderen seinen Erfolg. Ich hatte etwa ein wunderbares Einstiegsereignis, als ich nach New York gezogen bin: Meine Trompete wurde gestohlen – das war natürlich in erster Linie nicht erfreulich. Im Kreis um Jazztrompeter Lew Soloff, in dem ich mich bewegte, bot man mir aber sofort Trompeten zum Leihen an. Alle haben sich gekümmert. Das hat mich sehr berührt. Weil es meine eigene Hackl-Trompete war, habe ich dann aber einen Finderlohn ausgeschrieben und die Trompete schlussendlich auch wiederbekommen. Die erste Trompete, die ich gekauft habe, war meine eigene.

Bis heute werden die berühmten Hackl-Trompeten in Ihrem Familienbetrieb in Handarbeit hergestellt.

Hackl: Ja, genau; mein Vater, der selbst auch ein großer Musiker ist, steht mit seinen 80 Jahren täglich in der Werkstatt. Gegründet wurde diese ja bereits 1965, noch ein Jahr bevor ich gegründet wurde! (lacht) Als ich mit elf mit dem Solospielen begann, bekam ich die erste aufgebogene Trompete von meinem Vater.

Warum eigentlich diese besondere Form?

Hackl: Das war die Idee meines Vaters; er hatte die Trompete immer schon etwas tiefer angesetzt. Der damalige Kapellmeister der Militärmusik Tirol, Siegfried Sommer, der dann auch die Original Tiroler Kaiserjäger gründete, wollte die Trichter der Trompeten immer oben sehen. Mein Vater wollte seine Technik aber nicht umstellen – sondern hat die Form verändert.

Verändert die Form auch die Klangfarbe?

Hackl: Nicht direkt, aber es gibt Vorteile: Der Trichter ist näher am Ohr, man hört sich also etwas direkter. Und wenn ich akustisch spiele, spiele ich nie direkt in die Zuhörer hinein, sondern drüber hinweg.

Haben Sie auch eine eigene Form entwickelt?

Hackl: Mein Vater und ich tüfteln eigentlich immer gemeinsam. Es gibt ständig Verbesserungen. Auch wenn ich in New York bin, telefonieren wir 45 Minuten täglich. Mein Vater ist nach wie vor ein Besessener – im positiven Sinn.

Sie haben des Öfteren betont, ganz ausgewandert seien Sie eigentlich nie. Wie halten Sie es mit der Tiroler Musikszene?

Hackl: Tirol hat sehr viel Potenzial, viele großartige Musiker. Ich bin besonders stolz, wenn „Outreach“ etwas dazu beitragen kann. Natürlich kann man auch einiges besser machen. Ich habe etwa ein Pilotprojekt fürs Musikschulwerk gestartet, das Online-Unterricht anbietet – ich möchte nicht, dass Tirol das verschläft. Ich habe selbst rund 600 Online-Stunden in den letzten fünf Jahren gegeben und gute Erfahrungen mit Online-Formaten gemacht. Natürlich ist der Musikunterricht ein anderer. Aber deshalb nicht schlechter.

Wie kann man sich eine Online-Stunde vorstellen?

Hackl: Derzeit arbeite ich mit 19 Schülern, von Anfängern bis Profis, die sitzen in Thailand, New York oder irgendwo in Deutschland. Distanz und Zeit ist kein Problem – und man kann schnell reagieren: Ich kann etwa Profimusiker kurz vor ihrem Auftritt noch 15 Minuten coachen und sie beruhigen. Je besser ein Schüler wird, desto mehr braucht es auch das Gespräch. Ein weiterer Vorteil: Der Unterricht kann überall stattfinden. Wenn ich meinen Sohn zum Eishockey fahre, muss ich oft vor dem Spiel mindestens eine Stunde warten. Diese verbringe ich dann im Auto und gebe online Musikunterricht. Da ergeben sich dann manchmal lustige Situationen, etwa wenn Passanten durchs Fenster reinschauen und sich fragen, wieso ich mit der Piccolotrompete dasitze.

Sehen Sie allen technologischen Entwicklungen in der Musikszene positiv entgegen?

Hackl: Natürlich verändern sich die Voraussetzungen. Währen­d man früher live gespielt hat, um Platten zu verkaufen, wird heute das Geld über das Event gemacht. Grundsätzlic­h steh­e ich Neuerunge­n nie negati­v gegenüber, weil sich meist Vorteile ergeben; und wir stehe­n ja noch am Anfang, die 5G-Technologie wird in diesem Bereich nochmal einiges vorantreiben, auch beim Online-Unterricht. Der physische Unterricht wird deshalb natürlich nicht ersetzt. Aber auch beim Vermitteln geht es darum, wie man vermittelt, und nicht nur was man vermittelt. Das bringt uns übrigens wieder zu „Outreach“. Ich freue mich, wenn ich da ein Ermöglicher sein kann.

Das Gespräch führte Barbara Unterthurner

Outreach 2019

Academy. 140 Interessierte jeden Alters werden in 37 Klassen unterrichtet. Die Konzerte finden im Rahmen der Outreach-Concerts statt (27. Juli, 8.—10. August).

Festival. Über drei Tage hinweg (1. bis 3. August) wird der Silbersaal in Schwaz von internationalen Stars bespielt: u. a. Tony Esposito (1. August) oder das Kirk Lightsey Quintet (3. August).

Max-Jahr. Anlässlich des Kaiser-Max-Jubiläums realisiert Outreach das Projekt „Think Fast ... bedenke das Ende" (3. August).

Alle Infos: outreachmusic.org