Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 01.08.2019


Schloss Ambras

Imaginarium Ensemble: Ein Sommer gegen die Jahreszeiten

Das „Imaginarium Ensemble“ unter Enrico Onofri (2. von links) bewies alle Kraft der Imagination und virtuose Raffinesse.

© HauserDas „Imaginarium Ensemble“ unter Enrico Onofri (2. von links) bewies alle Kraft der Imagination und virtuose Raffinesse.



Man entkommt ihnen nicht, den vier Jahreszeiten. Weder den meteorologischen noch denen von Antonio Vivaldi, die omnipräsent als Berieselungsmusik in Kaufhäusern bis hin zu „Rieselmusik“ in öffentlichen WCs für Entspannung sorgen.

Als einer der meistgespielten, den Ablauf eines Jahres virtuos und poetisch beschreibenden Violinkonzert-Zyklen, den Vivaldi mit Gedichten in Sonett-Form begleitete, um die musikalischen Bilder zu verdeutlichen, gibt es Einspielungen zuhauf. Von so eindrücklichen wie die eines Felix Ayo mit I Musici aus dem Jahre 1958, als der Begriff historische Aufführungspraxis noch ein Fremdwort war, über die eingedickte Variante von Karajan bis hin zur Punk-Sicht eines Nigel Kennedy.

Mit der einen oder anderen Referenzeinspielung im Ohr begab man sich Dienstagabend ins Schloss Ambras, um Enrico Onofri (Solovioline) mit seinem Imaginarium Ensemble zu lauschen, das aus dem Wissen der Zeit schöpfend zu den führenden Interpreten Alter Musik zählt.

Und da war sie auch schon, die Jahreszeit des Sommers, die sich mit brütender Hitze und unerträglicher Schwüle über Vivaldis Jahreszeiten hermachte und einmal mehr aufzeigte, dass der so schmucke Spanische Saal vollkommen untauglich für Konzerte sein kann. Nach jedem Satz mussten die empfindlichen Instrumente nachgestimmt werden. Nichtsdestotrotz waren Intonationsprobleme unüberhörbar.

Dass Onofri die hochvirtuosen Läufe mitunter etwas aus dem Lauf gerieten, versteht sich von selbst, bekam man doch allein schon vom Zusehen Schweißhände. Als es dann mit dem letzten Ton des Winters so richtig knallte, war es eine Saite, die sich unter dem Eindruck des Tiroler Sommers verabschiedete. Soweit zum meteorologischen Teil des Abends.

Der musikalische, an dem es neben Vivaldi auch von Naturimpressionen beeinflusste Werke von Biagio Marini, Clément Janequin, Tarquinio Merula, Marco Uccellini und Stefano Pasino zu hören gab, sorgte für Begeisterung: ungemein pulsierend, kein Abspulen à la Singer-Nähmaschine. Mit fast ornithologischer Genauigkeit stimmte die Solovioline ihr „Vogelkonzert“ an. Die bewegliche und ausdrucksstarke Deutung von Vivaldis klingenden Wetterumschwüngen gerieten packend. Imagination und Emotion pur. Das Sommer-Konzert ließ sinnbildlich die Hitze flimmern. Mit interessanten Akzenten dynamischer Natur, durch sinngebende Ritardandi und Fermaten nahmen sich diese „Jahreszeiten“ wohltuend gegen die allseits bekannte Massenware aus. Riesenapplaus! (hau)