Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 05.08.2019


Exklusiv

Sänger David Hansen im Gespräch: Ein sympathischer Typ, der hoch singt

David Hansen ist eine Ausnahmeerscheinung. Mit einer ausgefeilten Technik erreicht der Countertenor ungewöhnlich hohe Töne. Zu hören ab Mittwoch in der Oper „Merope“ bei den Festwochen der Alten Musik.

Angeregtes Gespräch auf einer Parkbank zwischen den Proben. David Hansen war schon mehrmals in Innsbruck zu Gast. Seine Nachbarn in Australien sind ausgewanderte Tiroler.

© Foto TT/Rudy De MoorAngeregtes Gespräch auf einer Parkbank zwischen den Proben. David Hansen war schon mehrmals in Innsbruck zu Gast. Seine Nachbarn in Australien sind ausgewanderte Tiroler.



Innsbruck — Eine große Barock­oper verheißen die 43. Innsbrucker Festwochen der Alten Musik gleich an ihrem Eröffnungstag, dem 7. August. „Merope" von Riccardo Broschi feiert Premiere im Tiroler Landestheater. Erstmals in moderner Zeit ist diese 1732 uraufgeführte Oper in kompletter szenischer Fassung zu sehen: 4,5 Stunden mit opulenten Kostümen, Tänzen und Arien. Intendant Alessandro De Marchi dirigiert das neu formierte Festwochenorchester. Festgehalten werden die insgesamt drei Aufführungen (weiters am 9. und 11. August) auf einer Live-CD.

Sänger David Hansen, 37, hat das „Merope"-Original in einer Wiener Bibliothek entdeckt. Der Australier mit Wohnsitz Oslo singt in „Merope" die Partie von Königssohn Epitide, der als einziger Nachkomme der rechtmäßigen Herrscher einem Mordkomplott entgeht.

Diese Rolle ist im Fach des Countertenors (für Männer ungewöhnlich hoch, wie Alt oder Sopran) angesiedelt. Denn Komponist Broschi hatte den Epitide für seinen Bruder Farinelli geschrieben, einen gefeierten Kastratensänger des 18. Jahrhunderts.

Diese Sänger wurden als Knaben einem chirurgischen Eingriff unterzogen, um die hohe Stimme zu erhalten. Heute erzielen Countertenöre mit Talent, Technik und Training Stimmlagen, die sonst Frauen vorbehalten sind.

David Hansen nahm sich in einer Probenpause Zeit für das folgende Gespräch.

Im Internet nennen Sie sich „a guy who sings high" — ein Typ, der hoch singt. Dieses Wortspiel beschreibt Ihren Beruf ziemlich gut.

David Hansen: Ich fand es witzig. Und im Internet gibt es schon die Webseite eines anderen David Hansen. Dessen Tätigkeit ist auch interessant: Er stellt Toupets für Männer mit Haarproblemen her.

Wie kommt man als junger Mann zum Berufswunsch Countertenor?

Hansen: Ich war Chorsänger in der Kathedrale von Sydney und in der High School. Als ich 14 oder 15 war, kam der Chorleiter eines Tages zu mir und erklärte: „Du bist ein Countertenor." Ich antwortete ihm: „Ich bin ein was?"

Sie hörten den Begriff Countertenor zum ersten Mal?

Hansen: Ich wusste nicht, was der Chorleiter meinte. Also kauften meine Eltern CDs mit Aufnahmen damaliger Countertenöre. Mir gefiel aber gar nicht, was ich da hörte. Früher wurden Countertenöre ja ohne technisches Grundgerüst aus den Chören heraus in irgendwelche Opernproduktionen hineingeworfen.

Dennoch entschieden Sie sich für dieses Stimmfach.

Hansen: Jus und Politik hätten mich auch interessiert. Ich war auch sportlich, spielte Cricket und Squash. Aufgrund von Rückenproblemen musste ich aber umsatteln. Mein Musiklehrer riet mir zum Musikstudium und ich gewann einige Wettbewerbe in Australien. Mit dem Geld ging ich nach Europa. Ich wollte einfach besser klingen als die Countertenöre auf den CDs, die ich kannte.

Ihre Sprechstimme ist ganz normal für einen Mann. Könnten Sie auch eine Tenorpartie singen?

Hansen: Ich wäre wohl eher ein Bariton, jedenfalls aber nicht annähernd so gut wie Jonas Kaufmann, also lasse ich das lieber (lacht). Ich bin Countertenor im hohen Mezzosopran-Bereich.

Wie kann ein Sänger Tonhöhen erreichen wie sonst nur Frauen?

Hansen: Jeder Mann hat die Fähigkeit, hohe Falsett-Töne zu produzieren. Schauen Sie die Popmusik an: Michael Jackson, Prince und Freddie Mercury konnten hoch singen. Das war ganz normal. Steht aber jemand wie ich im barocken Outfit auf der Opernbühne, dann sagen alle: „Der singt aber hoch."

Beschreiben Sie bitte die Technik, die Ihnen hohe Töne ermöglicht.

Hansen: Falsett ist als Singstimme am weitesten entfernt von unserer Sprechstimme. Das ist schon eine Herausforderung, vor allem, wenn es einfach klingen soll. Ich atme ganz normal vom Zwerchfell, benötige aber mehr Luft, damit die Töne nicht herausgepresst klingen. Techniken und Muskeln unterstützen die Stimme. Diese müssen täglich trainiert werden. Man kann aber nicht die ganze Zeit hohe Töne singen. Das würde der Stimme schaden.

In der Oper „Merope" bei den Innsbrucker Festwochen singen Sie jene Rolle, die vor fast 300 Jahren der berühmte Kastrat Farinelli gesungen hat. Mit welchem Gefühl gehen Sie an diese Aufgabe heran?

Hansen: Meine Gesangslehrer gaben mir folgenden Rat mit auf den Weg: Nimm eine Rolle nicht an, wenn du nicht so gut oder besser klingen kannst als eine Frau. Wenn ich Rollen wie jene Farinellis nicht schön singen könnte, würde ich es lassen. Mann muss auch die eigenen Limits kennen.

Viele Buben wurden zur Zeit des Barocks zwangskas­triert, um ihre helle Stimme zu konservieren. Bewegt Sie deren Schicksal?

Hansen: Das bewegt mich sehr und macht mich traurig. Ich habe mich intensiv mit der Geschichte der Kastratensänger beschäftigt. Hunderttausende wurden damals als Buben vor der Pubertät kastriert. Viele konnten am Ende aber weder singen noch sprechen. Manche mussten sich als Clowns und Witzfiguren verdingen. Nur sehr wenige wie Farinelli wurden zu Opernstars. Der letzte Kastratensänger Alessandro Moreschi starb 1922.

Sie sind erst 37. Wie sieht Ihre weitere Karriereplanung aus?

Hansen: Als freischaffender Sänger bin ich sehr viel unterwegs. Letztes Jahr verbrachte ich gezählte 22 Tage daheim in Oslo. Ich träume schon von einem anderen Leben, in dem ich mich Freunden und einer Familie widmen kann. Doch das kommt schon noch.

Denken Sie gelegentlich auch ans Aufhören?

Hansen: Ich wäre zufrieden, wenn ich auf dem jetzigen Niveau weitersingen könnte, bis ich Mitte 40 bin — oder sagen wir Ende 40. Ich möchte, dass die Leute sich fragen: „Warum hört er jetzt schon auf?" Ich will am Höhepunkt meines Könnens abtreten. Niemand soll sagen: „Er hätte vor zehn Jahren gehen sollen."

Haben Sie schon Pläne für die Zeit danach?

Hansen: Ich möchte als Autor arbeiten. Ich arbeite derzeit an zwei Romanen, auf Englisch und Norwegisch. Ich habe noch viel vor.

Das Gespräch führte Markus Schramek


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