Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 09.08.2019


Musik

Klangzauber

gegen die

Strenge

Opernentdeckung: Alessandro De Marchi erweckt bei den Festwochen der Alten Musik Riccardo Broschis zauberhaft komponierte „Merope“.

Ein barockes Bilderbuch: Regisseurin Sigrid T’Hooft richtete „Merope“ im Landestheater der Kompositionszeit gemäß ein.

© Innsbrucker Festwochen/LarlEin barockes Bilderbuch: Regisseurin Sigrid T’Hooft richtete „Merope“ im Landestheater der Kompositionszeit gemäß ein.



Von Ursula Strohal

Innsbruck – Berühmte Verwandte können unendlich hinderlich sein. Riccardo Broschi, Komponist der neapolitanischen Opernschule, vermutlich Jahrgang 1698 und in Mozarts Geburtsjahr 1756 verstorben, konnte eine Arie davon singen. Doch selbst die sang er nicht selbst, sondern sein Bruder Carlo, die bis heute gefeierte Kastratenlegende Farinelli. Die Brüder vertrugen sich bestens, aber während Farinelli von Glorie umgeben war, gehörte Riccardo zur Heerschar hochbegabter Komponisten, die mittellos auf der Suche nach einer adäquaten Anstellung durch die Lande reisten. Sein Name war europaweit bekannt – als Lieferant Farinellis prächtigster Arien.

Nach der Wiederbelebung seiner 1732 in Turin uraufgeführten „Merope“ dieser Tage bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik erhärtet sich der bisher nur durch Arien genährte Verdacht, dass Riccardos kompositorische Leistung keineswegs zurücksteht hinter jener Nicola Porporas, der Galionsfigur der neapolitanischen Oper (und Lehrer Farinellis). Broschi schreibt zauberhafte, elegante Musik voll Leben, Schmelz und Emotion. Die stupende Virtuosität mag Farinelli geschuldet sein, aber die anderen Figuren kommen nicht zu kurz. Die unerschöpfliche Melodienfülle ergießt sich über die Guten und die Bösen, die Geschmeidigkeit des Stils verlangt hohe Präzision in der Geläufigkeit des Furors wie im lyrischen Atem. Broschi weiß viel von der Seele, er schreibt wunderbar anmutige getragene Arien, Opernlamenti und Szenen, die später ins Melodram münden werden. Weite Intervalle in auch wilden Sprüngen und kontrastreiche Passagen sind zu bewältigen in dieser wirkungsreichen Musik. Eine Entdeckung!

Das erstmals so genannte Innsbrucker Festwochenorchester ist lebhaft und farbenreich mit vollem Continuo-Klang unterwegs, Chiara Cattani und Dirigent Alessandro De Marchi halten am Cembalo die Handlung und die Gefühle in Bewegung. De Marchi hat „Merope“ gemeinsam mit Giovanna Barbati einer Neuedition unterzogen und die fragmentarische Partitur neu instrumentiert. Für die einst üblichen Balletteinlagen wählte er Musik von Carlo Alessio Rasetti, den Ballettspezialisten Jean-Marie Leclair und eigene Eingebungen. Das Ballett jedoch erscheint überflüssig und dehnt den Abend, die drei Tanzpaare des barock geschulten Corpo Barocco überzeugen kaum.

Die Compagnie wurde von Sigrid T’Hooft gegründet, die sich nun als szenische Barockspezialistin in Innsbruck vorstellt. Mit der Nachstellung des einstigen Bühnenreglements mit spezifischen Körperhaltungen, Gesten und Gängen. Gemeinsam mit den überaus aufwändigen, ausladenden Kostümen von Stephan Dietrich, der mit Guckkastenbühne, Bühnenvorhang, perspektivisch gemalten Kulissen und illusionistisch bemaltem Naturprospekt, auf dessen Felsen sich Figürliches abspielt, ebenfalls präzise in der Zeit blieb, wurde ein barockes Bilderbuch aufgeschlagen. Stilistisch genau und streng bis hin zu Tommy Gevings Kerzen imaginierender, weicher Lichtgestaltung und Fred Lipkes Masken- und Perückenkunst. Nach den modernen Festwochen-Inszenierungen eine Entscheidung einmal in die Gegenrichtung, der Kompositionszeit gemäß.

Der Usurpator Polifonte tötet Königin Meropes Gatten und zwei Kinder, ein Sohn kommt davon. Als der erwachsene Sohn und rechtmäßige Thronerbe Epitide heimkommt, will sie ihn nicht anerkennen und töten lassen. Lieto fine, alles gut. Fünfeinhalb Stunden bis dahin. David Hansen, der eine Kopie der „Merope“-Partitur hortete, singt mit seinem geschliffenen Countertenor die Farinelli-Partie des Epitide, intensiv gestaltend in den langsamen Arien, an seinen Grenzen in der virtuosesten. Weitere Counter sind im Einsatz: soft und klangintensiv Hagen Matzeit als Licisco, sinnlich und dennoch konturiert Filippo Mineccia als Anassandro, der Fiesling mit Gewissen. Ideal besetzt mit ihrem schönen Mezzo und weiten Ausdrucksspektrum die Merope der Anna Bonitatibus, von mädchenhaftem Charme Arianna Vendittellis Argia. Vivica Genaux bringt ihre hohen Qualitäten elegant als Trasimede ein. Als Polifon­te sprang Carlo Allemano für Jeffrey Francis im Graben singend ein – eine brillante Leistung gemeinsam mit dem Schauspieler Daniele Berardi auf der Bühne.


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