Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 12.08.2019


Osttirol

Musikbezirk Lienz: 70 Jahre gemeinsam im Takt

Der Musikbezirk Lienzer Talboden wurde vier Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg von neun Kapellen gegründet. Die Herausforderungen sind heute gänzlich andere.

Bezirkskapellmeister Roman Possenig dirigierte die 800 Musikanten in Gesamtspiel am Johannesplatz.

© Daniela AguBezirkskapellmeister Roman Possenig dirigierte die 800 Musikanten in Gesamtspiel am Johannesplatz.



Von Christoph Blassnig

Lienz – Nach der Gründung des Musikbezirkes Lienzer Talboden im Jahr 1949 war der Nußdorfer Pfarrer Othmar Pobitzer drei Jahre lang der erste Obmann des Vereines. Neun Kapellen aus Dölsach, Gaimberg, Iselsberg-Stronach, Leisach, Nikolsdorf, Nußdorf-Debant, Oberlienz, Tristach sowie die Eisenbahner Stadtkapelle Lienz waren Gründungsmitglieder. Erst später sind die Schützenmusik Lienz (heute Stadtmusik Lienz) und die Kapellen aus Schlaiten, Bannberg, Ainet und Assling hinzugestoßen. Die Jüngsten im Bunde sind die Musikanten aus Thurn, die im Jahr 2005 als fünfzehntes Mitglied aufgenommen wurden.

Nach dem Nußdorfer Pfarrer war Walter Unterweger mehr als 40 Jahre lang Obmann des Musikbezirkes. Von 1993 bis 2013 trug Klaus Köck diese Verantwortung. Seither fungiert Stefan Klocker aus Tristach als Obmann des Musikbezirkes Lienzer Talboden.

Kürzlich fand in Lienz das Bezirksmusikfest 2019 statt. Alle 15 Kapellen mit über 800 Mitgliedern marschierten aus allen Richtungen am Johannesplatz ein. Unter der Leitung des Bezirkskapellmeisters Roman Possenig gestalteten die Musikanten im Gesamtspiel einen Gottesdienst – die Tiroler Tageszeitung berichtete.

Die Herausforderungen für die Menschen sind heute gänzlich andere, als sie es wenige Jahre nach dem Weltkrieg waren. Darauf verweist Bezirksobmann Klocker. „Damals suchten und fanden die Leute ein wenig Ablenkung vom harten und kargen Alltag. Sicher schätzten sie das Erleben einer Gemeinschaft ebenso wie wir heute.“

Als Funktionär und Verantwortungsträger in einer Musikkapellen müsse man sich auch fragen, „was unsere Gesellschaft heute von uns braucht“. Eigentlich sei es auch wieder eine Art der Ablenkung, meint Klocker. „Anstatt hart und karg ist unser Alltag heute völlig überfüllt.“ Eine mögliche Alternative dazu sieht der Musiker im realen Zusammentreffen mit anderen, um sich miteinander auf ein Notenblatt und den Klang zu konzentrieren.

Der Bezirksobmann spricht junge Eltern an. „Mütter und Väter sollten das Potenzial, das in unseren Kapellen steckt, wieder als neu und wertvoll für ihre Kinder entdecken. Natürlich ist damit ein finanzieller und zeitlicher Aufwand sowie eine Verpflichtung verbunden. Es geht um ein Verschenken von einem Stückchen der persönlichen Freiheit.“

Der Gegenwert sei zwar schwer messbar, bekennt Klocker. Andererseits zeige er sich so wunderbar, wenn man etwa die eigenen Kinder mit Begeisterung musizieren sähe. Die Teilhabe an einer Gemeinschaft wirke sich zugleich positiv auf die Persönlichkeitsbildung aus, ist der Bezirksobmann überzeugt.

Zum 60-Jahr-Jubiläum im Jahr 2009 hat der Musikbezirk eine Fahne als Symbol der Zusammengehörigkeit und Heimatverbundenheit anfertigen lassen. Aktuell wird die gesamte Chronik digitalisiert.