Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 17.08.2019


Neues Album

Bon Iver mit “i, i“: Ein Experiment, das quietscht und wummert

Justin Vernon legt mit „Bon Iver“ das vierte Studioalbum „i, i“ vor – eine logisch-kryptische Weiterführung.

„Bon Iver“ hat einen Fixpunkt: Justin als treibende Kraft ist immer für eine Überraschung gut, die neue Platte kam drei Wochen zu früh.

© imago stock&people„Bon Iver“ hat einen Fixpunkt: Justin als treibende Kraft ist immer für eine Überraschung gut, die neue Platte kam drei Wochen zu früh.



Innsbruck – Bon Iver will Herausforderung sein, es seinen Hörern nie ganz zu einfach machen. Kryptisch, verstörend, schwer fassbar zu sein, ist dem US-Bandprojekt um Justin Vernon lieber. In dieser Hinsicht bleiben sich die Grammy-Preisträger auch 2019 treu: Das neue, viert­e Studioalbum „i, i“ ist eine logische Weiterführung der 2016er-Platte „22, A Million“.

Dabei begann alles mit einem einfachen Mythos – in der Jagdhütte des Großvaters. Dort soll der von der Liebe enttäuschte und von einer Krankheit geschwächte Jungmusiker abgetaucht sein, um nach kurzer Zeit mit dem eindrucksvollen Lo-Fi-Folk-Album „For Emma, Forever Ago“ in die Zivilisatio­n zurückzukehren. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten, schon operierten die TV-Ärzt­e von „Grey’s Anatomy“ zu „Skinn­y Love“ von Vernon. Bon Ivers Debüt und Folgealbum wurden mit Preisen überhäuft, 2012 u. a. mit einem Grammy als beste Alternative Band.

Ein Erfolg, der Justin Vernon nicht abheben ließ, sondern eher schwer traf. Aus einer erneut selbstverschriebenen Isolation meldete sich Vernon danach mit „22, A Million“ zurück, einer Abrechnung mit jeglichem geradlinigen Stil: Synthetische Sounds, Fragmente, hochgepitchte Stimmen sind die Zutaten für den „erweiterten Folk“, der sich bei Bon Iver zusammenbraute. Der Kritik schmeckte es.

Vielleicht auch, weil die Experimentierfreude bei inhaltlichen wie stilistischen Element­e den Spieltrieb anregt: In „22, A Million“ kommt kaum ein Songtitel ohne Sonderzeichen aus; ebenso wenig wie Vernons Falsettstimme ohne Doppelungen auskommt, oder Songs ohne fragmentierte Texte.

Aber „i, i“ zeigt sich auch versöhnlich mit der eigenen Vergangenheit: „Hey Ma“ oder „Faith“ kommen aus der alten Vernon-Schule – hoch­emotional, auch weil „Hey Ma“ im dazugehörigen Video die Vergangenheit des Musikers bildlich verarbeitet.

Bon Ivers Neue ist zusammengefasst immer noch Herausforderung: Dort quietscht’s, da wummert’s, Dekonstruktio­n steht über dem klaren Ausformulieren von Inhalten oder simplen Akkordfolgen. Und doch, als Zuhörer will man sich durchhören, will man verstehen lernen. Das heißt „i, i“ braucht Zeit – aber so bald scheint Vernon auch nicht wieder abtauchen zu wollen. (bunt)

Electro/Alternative Bon Iver: „i, i“ Jagjaguwar/Cargo.




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