Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 18.08.2019


Festwochen der Alten Musik

Mag alles nichtig sein, die Musik ist himmlisch

Händels „Triumph“ im Dom. Links: Karina Gauvin, am Pult Alessandro De Marchi.

© Festwochen/RupertKarlHändels „Triumph“ im Dom. Links: Karina Gauvin, am Pult Alessandro De Marchi.



Der Dom zu St. Jakob war am Freitag der Ort für die Vanitas, dieses in der Barockzeit so bedeutende Motiv, das die Beziehung von Schönheit und Verfall verhandelt. Alles sei nichtig. Im Rahmen der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik präsentierte Alessandro De Marchi dort Händels frühes Oratorium „Il Trionfo del Tempo e del Disinganno" in der römischen Fassung. Eine Erbauung.

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Kurienkardinal Benedetto Pamphilj lieferte 1707, als Opernaufführungen päpstlich verboten waren, dem 22-jährigen, in Rom weilenden Georg Friedrich Händel eine philosophisch-theologische Abhandlung zur Vanitas. Vier Personifizierungen, Schönheit (Bellezza), Vergnügen (Piacere), Zeit (Tempo) und Ernüchterung (Disinganno), erhalten Stimmen, drei argumentieren, die Schönheit aber fühlt, hin- und hergerissen zwischen Lust und Einkehr. Der Spiegel zeigt ihren Glanz, allmählich aber die Leere dahinter, die Wahrheit. Die Bellezza ergibt sich der katholischen Buße.

Händel lässt sich, keineswegs eingeschüchtert, den Schmelz seiner Jugend, seine Sinnlichkeit und erwachte poetische Anmut nicht nehmen. Mag alles nichtig sein, seine Musik ist himmlisch. Das Orchester blüht in Farben, kommuniziert in den Arien mit den Sängern, Instrumente (Oboe, Violoncello) treten konzertierend hervor. Händel lernte von den Italienern, hatte Corellis Orchesterführung aufgesaugt. Die Beziehung des Römers Alessandro De Marchi zu dieser Musik, die sich erst verspielt und mahnend gibt und sich dann bis zum transzendenten Finale sog­artig verinnerlicht, war geradezu greifbar. Er hielt das Innsbrucker Festwochenorchester ebenso opulent wie durchsichtig und demonstrierte die formale und besetzungstechnische Vielfalt.

Kleine Unsicherheiten waren der Live-Aufführung geschuldet. Karina Gauvins (Bellezza) Stimmschönheit und Phrasierungskunst blühte vor allem im Lyrischen, die Lebensfreudekoloraturen versteckten sich in der barocken Architektur. Sophie Rennert (Piacere) bezauberte durch den Klang und die hochmusikalische Führung ihres Mezzos. Raffaele Pés Countertenor (Disinganno) bestach ebenso wie Thomas Walkers Tenor (Tempo) durch vokale Schönheit, Präsenz und Nuancenreichtum. (u.st.)




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