Letztes Update am Sa, 24.08.2019 15:17

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Musik aus Tirol

Zwischen Heimathymne und Battle-Rap: AUTsiderz begeistern mit „Z.I.R.L“

Ehrlichen Hiphop mit tiefgründigen Texten machen Kretzy, Markz, Shoe-T und DJ Dan Lee zusammen als „AUTsiderz“ – sind damit aber bisher recht unbekannt. Ihr neuester Song „Z.I.R.L“ könnte ihr Durchbruch sein, auf die patriotische Schiene wollen sich die Zirler damit aber nicht schieben lassen.

Markz, Kretzy, Shoe-T und DJ Dan Lee in Action.

© www.berg12.deMarkz, Kretzy, Shoe-T und DJ Dan Lee in Action.



Von Anja Larch

Innsbruck – „Angefangen hat alles mit Eminem“, sagt Martin Kretz alias „Kretzy“, wie er in der Tiroler Rapper-Szene genannt wird. Neun Jahre alt war er damals erst, als Titel wie „I‘m Shady“ oder „My name is“ im Radio rauf und runter liefen. Er „wollte das auch so können“, erinnert sich Kretz im TT-Gespräch lachend, „wobei anfangs eher eine Aneinanderreihung von englischen Schimpfwörtern herausgekommen ist, die ich nicht verstanden hab“. Trotzdem war der Grundstein damit gelegt. Heute ist Kretzy derjenige, der für die englischen Rap-Parts in den Songs der Zirler Hiphop-Truppe AUTsiderz zuständig ist.

Damals mit neun – ging es da dann auf dem Spielplatz zur Sache? „Nein, erste Rap-Versuche haben wir daheim im Kinderzimmer unternommen“, sagt Markus Garber alias „Markz“, der heute mit seinem Gesang den poppigen Touch in die Lieder der Zirler bringt. Schnell habe das „Rap-Fieber“ in der Schule damals auch andere angesteckt, später in der Villa Blanca kam dann der heutige Dritte im Bunde, Sandro Schuth alias „Shoe-T“, dazu und experimentierte munter mit. Aufgenommen wurde mit Kassettenrekorder, davor ein CD-Player platziert, in dem „Rap Instrumentals“ liefen, und mit Billig-Mikro gaben sich die Nachwuchs-Hiphopper „Battles“. So wie man es aus „8 Mile“ kennt, nur eben – passend zum Größenunterschied zwischen Detroit und Zirl – im kleinen Rahmen.

Heute entstehen die Songs der AUTsiderz weniger improvisiert, aber immer noch „so spontan wie möglich“, erklären die drei. Meist gebe es zuerst eine Melodie oder einen Beat, worauf jeder seinen Teil nach und nach im Studio einrappt oder -singt. Das Studio ist eine kleine, ausgedämmte Kammer in Markzs Wohnung, mit Schreibtisch, Computer und Mikro versehen. „Beim Rap ist es leichter mit der Technik als bei anderer Musik, es geht ja am Ende ,nur‘ um die Stimme als Instrument“, beantwortet Shoe-T die Frage, wie dennoch die hohe Qualität der Aufnahmen möglich sei. Ihre musikalischen Ideen schreiben sich die drei im WhatsApp-Gruppen-Chat, getextet werde meistens daheim im stillen Kämmerlein. Im Grunde funktioniere das so wie Gedichte schreiben: „Das ist nichts anderes, nur halt auf Takt“, sagt Shoe-T.

„Politisch genutzt wollen wir den Song nicht sehen“

Beim neuesten Takt-Gedicht, „Z.I.R.L“, sei das Thema als erstes da gewesen, dann Text und Melodie dazugekommen. Der gerade mit Musikvideo gepushte Song könnte der Durchbruch für die Truppe sein, die es in der jetzigen Dreier-Konstellation mit Andreas Danler alias DJ Dan Lee für Live-Auftritte seit drei Jahren gibt. Mit bisher über 6500 Aufrufen auf YouTube hat das Video jetzt schon doppelt so viele Klicks wie jeder der bisher auf der Plattform veröffentlichten Songs der AUTsiderz. Ihr „neuer Stil“, wie die drei selbst ihn nennen, „mit gesungenem Refrain massentauglicher gemacht“, scheint anzukommen. Und wohl auch die bekennende Liebe zur Heimat, die bekanntermaßen auch die Kassen von Sängern ganz anderer Genres klingeln lässt. Auch vom Tourismus und der Politik blieb „Z.I.R.L“ nicht unbemerkt. Ein Posting auf der Facebook-Seite der Tirol Werbung ließ nicht lange auf sich warten, vom Dorfchef kam Lob per Telefon. Wie finden das die Künstler? „Politisch genutzt wollen wir den Song eigentlich nicht sehen“, sind sich die drei einig. Die Intention sei nicht die gewesen, Zirl eine Hymne zu widmen, sondern ein Lied über ihre Kindheit zu schreiben – die eben auf den Zirler Straßen stattfand. Auf „der patriotischen Schiene“ wollen die Jungs sich auf keinen Fall positionieren.

In keinem anderen Ort außer Zirl leben zu wollen, behaupten die drei nichtsdestotrotz von sich. Mit Textzeilen wie „we are still addicted to here“, „die Welt erkundet und Orte bereist, doch von A bis Y war da nicht viel dabei – dann kam das Z wie Zirl – ja das Beste kommt zum Schluss” ist die zumindest ganz persönliche Huldigung des Heimatorts auch schwer abzustreiten. Dass die AUTsiderz authentisch sein wollen und deshalb ihre Texte aus emotionalen Reflexionen über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bestehen, glaubt man ihnen trotzdem gern. Man könnte sie auch als „Softy-Rapper“ bezeichnen, lachen die drei. Klischeehafte Hiphop-Themen wie Drogen, Sex und viel Bling Bling haben in den Texten der Zirler keinen Platz. „Wir wollen das erzählen, was wir auch selbst erlebt haben“, meint Markz. Ein Anliegen sei es den Jungs außerdem, gesellschaftskritische Elemente in ihre Lieder zu bringen. Der titelgebende Song ihres aktuellen Albums „Let the kidz autside“ dreht sich etwa um Kindererziehung und die Unterschiede zu früher, als frische Luft noch beliebter als Computer und Smartphone war.

Zuletzt heizten die "AUTsiderz" dem Publikum nach einem Raiders-Spiel ein.
Zuletzt heizten die "AUTsiderz" dem Publikum nach einem Raiders-Spiel ein.
- Hörtnagl

Bescheidene Ziele

Zweite Inspiration für den Titel: Auch die Band will, so groß die Zirl-Liebe ist, hinaus aus ihrem „Nest“, wie Markz sagt. Das Album im April war der erste Schritt in Richtung Durchstarten. Mit ganzen 16 Songs vollgepackt, die mal mit sanften R’n’B-Rhythmen, überrappt von präzise platzierten Reimen in Eminem-Manier, mal mit melodisch-rockigen, kraftvollen Refrains bestechen, haben die Zirler damit auch ziemlich abgeliefert. Eine Release-Tour gibt es trotzdem „erst einmal nicht“. Alle Bandmitglieder arbeiten Vollzeit in anderen Jobs, sehen die Musik – zumindest momentan noch – als „aufwendiges Hobby, das wahnsinnigen Spaß macht“. Markz kommt als Koch oft erst gegen 22 Uhr nach Hause, macht dann aber noch bis 1 Uhr Musik. Kretzy ist Vater eines Kindes, sagt aber auch, dass Einteilung „halt alles“ sei. Würden sie denn gern hauptberuflich Musiker sein? Irgendwann einmal vielleicht von der Musik leben zu können, sei zwar eine Traumvorstellung, lacht Shoe-T, aber nicht das erklärte Ziel der Band. „Das ist für uns so utopisch wie im Lotto zu gewinnen“, erläutert Kretzy. „Wir würden uns freuen, aber eigentlich geht es uns ja nicht ums Geld.“ Bei ihrem größten Wunsch für die Zukunft sind sich wieder alle einig: „Einfach weiterhin die Zeit, Möglichkeit und Motivation zu haben, unsere Musik zu machen“.

Die nächste Gelegenheit, die AUTsiderz kennenzulernen und ihr Album zu erwerben, gibt es bei der „Zirl Art – Tage der Kunst“, die v on 20. bis 22. September im Veranstaltungszentrum B4 stattfinden. Die Band wird mit einem Stand vertreten sein.

Mit neun Jahren rappten sie zum ersten Mal - jetzt vor immer größerem Publikum.
Mit neun Jahren rappten sie zum ersten Mal - jetzt vor immer größerem Publikum.
- AUTsiderz

„Let the kidz autside“ ist auf Spotify, iTunes und Amazon Music erhältlich.

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Fünf Fragen an die AUTsiderz

Wie wird man Rapper? Kann man das lernen?

AUTsiderz: Bei uns war das einfach Learning by Doing. Das kommt alles durch Übung, die Deutlichkeit in der Aussprache, das Gefühl für den Rhythmus, und auch das Texten. Heutzutage helfen natürlich auch YouTube-Tutorials.

Habt ihr bei Auftritten manchmal Text-Hänger?

AUTsiderz: Leider schon manchmal (lachen). Das kommt vor allem dann vor, wenn zuviel Bier geflossen ist. Aber gegenseitig helfen wir uns da meist schnell wieder heraus – jeder kennt auch den Text der anderen.

War Mundart-Rap je eine Option für euch?

AUTsiderz: Das haben wir versucht, liegt uns aber nicht so. Oder unser Dialekt ist dazu nicht krass genug. Uns gefällt am besten die deutsch-englische Mischung. Vielleicht probieren wir es aber wieder mal – auf dem nächsten Album.

Wie schätzt ihr die Rap-Szene und das Publikum für diese Art von Musik in Tirol ein?

Kretzy: Ich würde fast sagen, Hiphop ist die Musikrichtung mit dem wenigsten Publikum in Tirol bzw. den wenigsten Plattformen. Durch die neue Welle des Cloud Raps und Traps, mit Künstlern wie Capital Bra oder Yung Hurn, wird Hiphop bei den ganz Jungen zwar gerade wieder beliebter – aber für die klassische Form des Raps ist wenig Platz. Die Bühnen, die es dafür gibt, sind außerdem bald alle bespielt. Aber ja, es gibt auch Bemühungen, das zu ändern: L.O.R („Legends of Rock“, Kulturverein, der sich der Förderung der Tiroler Musikszene verschrieben hat, Anm.) macht da zum Beispiel einiges.

Welches war euer schönstes Konzert bisher? Und welches das furchtbarste?

AUTsiderz: Gerade weil es bisher nicht so viele waren, war jedes Konzert auf seine eigene Art besonders. Viel bedeutet hat uns der Auftritt in Zirl beim heurigen „Banklfest“, weil da so viele bekannte Gesichter im Publikum waren. Auch in der PMK und der Jungen Talstation hatten wir unglaublich viel Spaß. Das furchtbarste Konzert ... – einmal sind wir vor einem Sitzpublikum aufgetreten, das hat nicht ganz gepasst. Und einmal sind wir als Vorband von B-Tight aufgetreten und haben weder Gage noch gratis Getränke bekommen. Da kamen wir uns etwas ausgenutzt vor.


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