Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 27.08.2019


Musik

Im Feuerwerk der Virtuosität

Julia Lezhneva und La Voce Strumentale im Riesensaal der Hofburg.

Superstar Julia Lezhneva im Festwochen-Konzert in der Hofburg mit Arien von Graun, Vivaldi und Händel.

© Felix PirkerSuperstar Julia Lezhneva im Festwochen-Konzert in der Hofburg mit Arien von Graun, Vivaldi und Händel.



Innsbruck – Sie ist eine der auffallendsten Sopranbegabungen und hat vor zwei Jahren mit ihrer Graun-CD die Konkurrenz überholt. Am Sonntag war die als Stimmwunder gefeierte Russin Julia Lezhneva bei den Innsbrucker Festwochen zu Gast. Und wählte mit Dmitry Sinkovsky und dessen Ensemble La Voce Strumentale spektakuläre Partner. Das Publikum steigerte sich nach drei Stunden im Riesensaal der Hofburg stehend in frenetischen, nicht enden wollenden Beifall.

Ein Vierteljahrhundert hat Carl Heinrich Graun als Hofkompositeur Friedrichs II. das Musikleben Berlins geprägt und brachte bis zu seinem Tod 1759 nicht weniger als 27 Opern zur Uraufführung: mythologische oder antike Stoffe im Stil der neapolitanischen Opera seria und die besten Arien nicht für Kastraten, sondern für Frauenstimmen geschrieben. Prachtvolle Musik, die auf Julia Lezhneva wartete. Ihre CD (Decca) enthält bis auf eine Ausnahme Welt-Ersteinspielungen, und drei davon, aus „Coriolano“, „L’Orfeo“ und „Silla“, hat sie nach Innsbruck mitgebracht. Dazu Nicola Porporas „Come nave“, von Antonio Vivaldi eine Arie aus „La Griselda“, die berühmten „Zeffiretti“ mit Sinkovskys zartem Counter-Echo, das resignative „Sposa son disprezzata“ und zuletzt Händels „Brilla nellàlma“. Präzise gewählte Gelegenheit, zwischen Feuerwerken brillanter Verzierungskunst und emotionalem Tiefgang zu wechseln.

Eingangs hatte La Voce Strumentale ein Concerto grosso von Telemann basslastig in den Riesensaal gestampft, der seinem Namen gemäß Konzerten ja hauptsächlich atmosphärisch dienlich ist. Immerhin aber konnte Luca Pianca seine klangintensive Lautenkunst in einem Vivaldi-Konzert ausspielen. Nach der Pause waren Verve, Kraft und Leidenschaft zurückgenommen zugunsten stilistischer Feinarbeit an Johann Adolph Hasses Adagio und Fuge in g-Moll, einer herrlichen, tiefen Musik, und Vivaldis d-Moll-Violinkonzert.

Dmitry Sinkovsky, eine singuläre Begabung als Geiger, Dirigent und Countertenor, Temperamentbündel als Ensembleleiter, spielte hier seine technische und musikalische Virtuosität aus, entsprechend Lezhnevas vokalen Künsten, denen er mit dem Ensemble eine verlässliche Basis bot. Ihre Agilität im Passagenwerk, die dynamische Flexibilität und Gleichmäßigkeit der Skalen, die Verbindung von Technik, Disziplin und stimmlicher Sicherheit mit dem Erhalt von Klarheit und Klang der Stimme sind phänomenal und erinnern tatsächlich an die Beschreibungen der vokalen Künste im Hochbarock. Dabei vergisst Julia nie, was sie singt, und erreicht auch mit ihrer Emotionalität die Hörer. (u. st.)