Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 05.09.2019


Musik

Ariana Grande in Wien: Die neue Queen of Pop im leichten Zuckerschock

Megastar Ariana Grande lieferte in Wien eine etwas zu perfekte Popshow ab.

Bunt und laut: In Wien präsentierte Ariana Grande am Dienstag in der Wiener Stadthalle eine Popshow ohne Ecken und Kanten.

© imago stock&peopleBunt und laut: In Wien präsentierte Ariana Grande am Dienstag in der Wiener Stadthalle eine Popshow ohne Ecken und Kanten.



Von Barbara Wohlsein

Wien – Transparenz ist nicht nur in Zeiten des Wahlkampfs ein heikles Thema, sondern auch in der Wiener Stadthalle. Nämlich dann, wenn Pop-Megastar Ariana Grande zum Konzert lädt. Aufgrund strengster Sicherheitsvorkehrungen waren am Dienstagabend ausschließlich durchsichtige Taschen erlaubt, wer keine besaß, musste die Habseligkeiten in Plastikbeuteln verstauen, die man vom Flughafen oder aus der Tiefkühltruhe kennt. Groß beschweren kann sich über solche Einschränkungen freilich niemand – seit dem Terroranschlag 2017 in Manchester, bei dem nach Ariana Grandes Konzert 23 Menschen starben, ist es durchaus nachvollziehbar, dass Sicherheit Priorität hat.

Mit Beginn des 90-minütigen Konzerts sind die Plastiksackerl verstaut und die Warteschlangen schon fast vergessen. It’s showtime: Beim Opener „Raindrops“ räkeln sich zehn Tänzerinnen und Tänzer um eine lange Tafel, an der man auch das letzte Abendmahl inszenieren könnte. Man hört Ariana Grandes glasklare Stimme, kann sie im Gewusel aber zunächst kaum erkennen. Bis die 26-Jährige zum Refrain auf den Tisch steigt, die lange Mähne weht im Luftzug der Windmaschine. Genau das wollen die überwiegend weiblichen und sehr jungen Fans sehen – es wird gekreischt, dass einem die Ohren klingeln.

Der zweite Song ist „God Is A Woman“ – jetzt macht auch die Abendmahl-Tafel annähernd Sinn. Grande stöckelt mit ihren Plateaustiefeln auf den Steg hinaus, die Menge kreischt erneut, es folgen die Tänzer, die brav ihre eigenen Stühle mittragen. Auf diesen sitzend werden sie mit einer Art Lapdance belohnt. Ja, sex sells. Und Grande gibt sich gerne sexuell offen, vor allem in ihren Songtexten. Trotzdem wirkt das Ganze schon fast klinisch steril, jede laszive Hüftbewegung sitzt. Immerhin wird die heteronormative Erzählung aufgebrochen: Wer genau hinschaut, sieht, dass hier sechs Männer und vier Frauen dem etwas anderen Paartanz frönen. Einer der Männer tanzt nämlich bei den Frauen mit, mit Highheels und ganz viel Selbstverständnis. So geht das, bravo.

Ihren weiteren Hitkatalog spult Ariana Grande mehr als routiniert ab. 23 Songs werden pro Stopp der „Sweetener“-Tour durchgedrückt, viele davon in gekürzter Version, manche hört man sogar nur vom Band, während Grande in das nächste Outfit schlüpft. Nur selten bemüht man sich um regionale Details, so steht etwa auf dem rosa Cadillac, der musikvideoreif umtanzt wird, in Graffitischrift „Vienna“. Für die Fans gibt’s ein gehauchtes „Vienna, how are you? Thanks for having us“.

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Zu viel „Sweetener“ macht schnell müde: So perfekt diese Show auch ist, so schnell gewöhnt sich man sich an die Traumwelt-Ästhetik. Ariana Grandes fantastische Stimme, die kein einziges Mal zittert, ist in dieser Hinsicht nicht gerade hilfreich. „Dangerous Woman“ und „No Tears Left To Cry“ sind gegen Ende eine willkommene Abwechslung vom Einheitsbrei im Mittelteil des Konzerts.

Dass es Ariana Grande nach Manchester und dem Tod ihres Ex-Freunds Mac Miller psychisch nicht gut geht, hat sie öffentlich bestätigt. Auch die Meet & Greets mit den Fans hat sie bis auf Weiteres abgesagt. Die Rolle der Popprinzessin spielt sie immer noch überzeugend, der Erfolg ihres letzten Albums „Thank U, Next“ spricht sowieso für sich (seit den Beatles besetzte kein Musikact mehr Platz 1 bis 3 der US-Charts). Und doch bleibt nach der fehlerfreien Traumshow in Wien ein bitterer Nachgeschmack. Es ist nicht alles Zucker, was süß aussieht.