Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 14.09.2019


Haus der Musik

Was Violoncello und Schlagzeug heute erzählen

Christian Dierstein zauberte an mehreren Perkussionsinseln eine Fülle an Klängen, Rhythmen und Assoziationen.

© KlangspurenChristian Dierstein zauberte an mehreren Perkussionsinseln eine Fülle an Klängen, Rhythmen und Assoziationen.



Nichts als ein stummes Musikinstrument. Da bedarf es intimer Kenntnis, spezifischer Klangvorstellung und einer konzeptuellen Richtung, um heutige Musik mit Ausstrahlung und Sinn zu schaffen. Das Motto „Alone, alone" mit zwei Stichwörtern, Violoncello und Schlagzeug, kam dem Begriff „Klangspuren" Donnerstagabend im Haus der Musik Innsbruck besonders nahe. Gestaltet von zwei Könnern, Michael Moser und Christian Dierstein.

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Ein beflügelnder Abend mit der Spanne von fragiler Schönheit bis brachialem Ausbruch, mit Rissen auch, die das Tiroler Festival für Neue Musik ja heuer thematisiert, seien sie unmittelbar hörend erfahrbar oder als Konstrukt beschrieben.

Das Violoncello hat sich kaum verändert. Von den vier Komponisten, die hier Beiträge leisteten, haben die meisten Elektronik eingesetzt. Wolfgang Musil sorgte für die professionelle Klangregie. Das Schlagzeug dagegen hat sich wie kein anderes Instrument emanzipiert und in der Aneignung eines weltweiten Equipments mit grenzenlosen Möglichkeiten entwickelt.

Peter Ablinger startete das Konzert mit einer permanenten Aufwärtsbewegung des Cellos, eingehüllt in weitere Stimmen, und versprach später vergeblich mit etwas einförmigen Verdichtungen „Das Blaue vom Himmel".

Helmut Lachenmanns „Pression" bedient sich auf ungewöhnliche Weise mit viel Bogenbewegung des hölzernen Korpus. Wolfram Schurigs Kompositionsauftrag „fenster" ist ein in seiner Durchlässigkeit fesselndes, sensibles Stück, das Leben, Tod und Zwischenbereiche durchmisst, nicht zuletzt des Instrumentes selbst, das erweckt wird. Michael Maierhof spielt mit Saitenlängen und Bogenpositionen.

Was immer sich anschlagen, rasseln, schütteln, schrapen, streicheln, reiben oder anderswie in Schwingung versetzen lässt, handhabt Christian Dierstein virtuos. Ob es nun Mark Andres aus deutlicher Formulierung geborener Wunsch nach dem Entschwinden ist oder Rebecca Saunders „dust", ein Stück, das sich immer theatralischer in Szene setzt, im Mittelpunkt mit einem Duett von Pauke und Röhrenglocken.

Alberto Bernal verlangt vor sprunghaften Videobildern dem Spieler enorme Perfektion ab. Morton Feldmans „King of Denmark" beschwört durch Diersteins Hände das Leise, Naturnahe. Klaus Langs uraufgeführter „octopus" war ein Höhepunkt an hintergründiger, sinnlicher, klangzauberischer Poesie. Das alles gestört nur durch ein Hausgeräusch ungeklärten Ursprungs. (ust)