Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 15.09.2019


Musik

Scherben von tiefblauem Klang

Fragile Klangspuren und ihr vom „ensemble recherche“ gewiesener Weg „ins Offene“ im Haus der Musik Innsbruck.

Das grandiose „ensemble recherche“ ist ein Stammgast bei den Klangspuren.

© KlangspurenDas grandiose „ensemble recherche“ ist ein Stammgast bei den Klangspuren.



Von Ursula Strohal

Innsbruck – Mark Andre (geb. 1964), Klaus Huber (geb. 1924), Roman Haubenstock-Ramati (geb. 1919) und Lisa Streich (geb. 1985), drei Generationen, denkend, fühlend, komponierend und ebenso zu einem Konzert des ensemble recherche hinzukomponiert. „Ins Offene“ war es übertitelt, angeboten vom Tiroler Festival für Neue Musik am Freitag im Haus der Musik Innsbruck.

„Meine größte Zuneigung gilt dem Unaufspürbaren“, sagte Haubenstock-Ramati (der die Welt so grausam zu spüren bekam), und man möchte sich das Recht herausnehmen, den Satz allen Werken, sogar den Komponisten dieses Abends zuzuschreiben. Es ging um die Öffnung hermetischer Formen, um klangliche Durchlässigkeit bis hin zu freier Instrumentenwahl, um eine vom Kraftvollen ins Lyrische transformierte bzw. erweiterte Ausdruckskraft, um Phänomene im musikalischen Grenzbereich. Was linear abzulaufen scheint, wurde durch feine Veränderungsprozesse räumlich deutlicher wahrnehmbar. Mündend in ein emotionales Erleben, das immer das Rätsel vom Ende der Offenheit mitträgt.

Bei Mark Andre und der Schwedin Lisa Streich, variiert diesmal auch bei Huber, klingen spirituelle Inhalte an. Streichs „Francesca“, als Auftragswerk u. a. des ensemble recherche uraufgeführt, bezieht sich auf die heilige Francesca Romana und das Fresco im römischen Kloster Tor de’ Specchi, das Francesca auf dem Totenbett zeigt, während ihr Geist im Himmel von einem Orchester empfangen wird. Streich findet Klänge des fast Unhörbaren, des Zerbrechlichen und der Trance, Geräusche, ganz fern Tonales, Dreiklänge, darüber zarteste Cluster, sinnliche Tonmuster, und der Percussionist schlägt schmerzhaft die Peitsche und die Klanghölzer. Eine faszinierende Annäherung zum Unaufspürbaren. Von Andre war außer den testamentbezogenen „3 Stücken für Ensemble“ das ebenso konnotierte „… zu Staub …“ zu hören bzw. zu erfahren in Andres immer neuen Wegen, das Rückführen ins Nichts zu thematisieren. Ebenso aufschlussreich wie das Verschwinden ist freilich als notwendiger Ausgangspunkt dafür das mehr oder minder heftige klangliche Initial.

Klaus Huber schildert in seinem Streichtrio „Des Dichters Pflug“ seine Erschütterung über das Werk des in der Verbannung umgekommenen Dichters Ossip Mandelstam, dessen Gedichte mit den „Scherben von tiefblauem Klang“ er teils rhythmisch, teils kryptisch in Musik übersetzt. Die fabelhaften Musiker und Musikerinnen des ensemble recherche sind Idealbesetzungen für all die (laut Haubenstock-Ramati) „Rätsel, die verschiedene Lösungen zulassen“ – oder auch nicht. Von ihm ließen sie mit „Rounds“ ein sehr komplexes „Mobile für sechs Spieler“ hören sowie „Multiple V“, das Paul Beckett an der Bratsche und Eduardo Olloqui mit Englischhorn, Oboe und Mundstück in ein virtuos durchdrungenes Gustostück verwandelten.