Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 22.09.2019


Klangspuren

Stille und ekstatische Entfesselung

Klangspuren aus drei prall gefüllten Abenden mit Meistern der Improvisation zwischen Reduktion und Radikalität.

Bevor Franz Hautzingers „Regenorchester XII“ loslegte, bedienten Katharina Klement und Martin Siewert im SZentrum präpariertes Klavier, Gitarre und Elektronik.

© KlangspurenBevor Franz Hautzingers „Regenorchester XII“ loslegte, bedienten Katharina Klement und Martin Siewert im SZentrum präpariertes Klavier, Gitarre und Elektronik.



Von Ursula Strohal

Innsbruck – Franz Hautzinger, Peter Brötzmann, Martin Siewert, Axel Dörner, Martin Brandlmayr, Tony Buck, Luc Ex, das sind nur einige Namen, die sich im Lauf der letzten zwei Jahrzehnte mit artacts, dem jährlichen Drei-Tages-Festival für Jazz und improvisierte Musik in St. Johann, verbunden haben. Nun zog Klangspuren-Leiter Reinhard Kager in seinem ersten Programm für das Festival Neuer Musik die Heroen von Free Jazz und freier Improvisation ein paar Kilometer weiter hinauf in das SZentrum zu sechs Konzerten an drei Abenden.

Die gestrige Samstagnacht hat der Harfenistin und Elektronikerin Zeena Parkis gehört. Sie stellte ihr Stück „Captiva“ vor und verband sich mit ihrem Percussionisten William Winant erstmals mit dem Duo Ingrid Laubrock, Sax und Stimme, und dem Schlagzeuger Tom Rainey. In der Nacht davor Free-Jazz-Gott Brötzmann, der weit entfernt von seinen 78 Jahren gemeinsam mit Marino Pliakas, E-Bass, und Schlagzeuger Michal Wertmüller sein Energiefeld entlud: „Full Blast“.

Wie spannend, wie sinnlich, wie balsamisch und doch nicht glatt, wie kunstvoll an der Grenze zur Neuen Musik Otomo Yoshihide (Gitarre, Turntables, Elektronik), Sachiko M (Sinuswellen), Axel Dörner (Trompete) und Martin Brandlmayr (Schlagzeug und Percussion). Punktuelle Treffpunkte des Quartetts genügten für die Geburt eines neuen Kosmos. Stille war nie leer, jeder Klang, jede Bewegung, jede Andeutung ereignishaft. Das Quartett hat sich nach vielen Jahren nun in Schwaz wieder formiert, ungemein differenziert und diszipliniert einander Freiheit schenkend.

Die Faszination, wie Genauigkeit Musik ins Schwingen bringt, wie präzises Aufeinanderhören und Sich-Einlassen auf die hörbar erzeugten und zwischenmenschlich fühlbaren Frequenzen kreativ wird, selbst im Loslassen und Unangepassten, ohne sich zu verlieren, war auch am ersten Tag des Improv-Festes da. Katharina Klement an Elektronik sowie den Tasten und Eingeweiden des Klaviers und ebenfalls elektronisch gerüstet (Steel-)Gitarrist Martin Siewert – „Hoverload“ – erschufen eine Welt, in der seine Klangflächen bereit waren für ihre teils fast sanglichen, teils insistierenden Einwürfe.

Dann die fesselnde, sehr spezielle Sprache von Franz Hautzingers „Regenorchester XII“. Mit dem virtuosen Trompeter auf der Bühne Otomo Yoshihide, Gitarre, Turntables, Elektronik, Christan Fennesz Gitarre und Elektronik, E-Bassist Luc Ex und Tony Buck, Schlagzeug. Ein Quintett der Legenden. Das war totale Hingabe und Klangoffenbarung, die Öffnung jedes Musikers für die Inspiration, Eigenart, Brüche, Schönheit und Ausuferung des Anderen, für Reaktion und Wechselspiel, Individualität und Aufgehen im Kollektiv.

Improvisation zwischen neu gefassten Stilzitaten, Lyrik und Noise-Ausbrüchen, eigenwillig, großartig.




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