Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 23.09.2019


Zeitkapsel

Swing, Schmalz und Sacher

Michael Bublé ist wahnsinnig erfolgreich und erstaunlich lustig. In der Wiener Stadthalle sang er brav seine Klassiker.

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© AFP



Von Barbara Wohlsein

Wien – Samstagabend, 20.15 Uhr. In der Wiener Stadthalle gehen die Lichter aus und ein Mann mit Anzug erscheint zu flotten Swingklängen auf der Showtreppe. Ist man hier in einer Zeitkapsel der goldenen Unterhaltungsära gelandet? Irgendwie schon. Zumindest ist man in der Welt von Michael Bublé.

60 Millionen Alben hat der Kanadier verkauft, allein sein „Christmas“-Album, auf dem er die gängigsten englischen Weihnachtslieder singt, steht bei zehn Millionen verkauften Tonträgern. In den Nullerjahren hatte Bublé einige selbstgeschriebene Hits („Home“, „Haven’t met you yet“), die immer noch im Radio rauf und runter gespielt werden.

Diese Mischung bestimmt auch die Show in der Stadthalle: Nur sechs eigene Songs singt Bublé in zwei Stunden. Der Rest sind beschwingte Covers von Klassikern aus dem Great American Songbook – von „Sway“ über „When I fall in love“ bis „Buona Sera Signorina“. Das macht gute Laune beim nostalgieaffinen Publikum in Wien, wirft aber auch die Frage auf, ob man dafür wirklich eine teure Konzertkarte für Michael Bublé kaufen muss oder nicht auch die „Best of Swing“-Playlist auf Spotify gereicht hätte. Die Aura eines gut bezahlten Hochzeitssängers, der sich ein bisschen dafür geniert, was er gerade tut, wird Michael Bublé den ganzen Abend nicht los. Auch lieb gemeinte Gesten wie das Verschenken von Sachertorte ans Publikum verstärken den Eindruck, dass der 44-Jährige manchmal selbst nicht fassen kann, wie erfolgreich er ist. Was ihn rettet, ist ganz klar sein Humor. Denn der ist ziemlich frech: Er sei froh, in Österreich zu sein, weil er jetzt endlich wie Arnold Schwarzenegger sprechen könne, lässt er die Zuschauer gleich am Anfang wissen. Über die Darstellerin in einem seiner Musikvideos habe seine Frau gesagt: „Who’s that bitch?“ Und wer als Single da sei, könne während der romantischen Nummern immerhin einen Dreier anbandeln, so sein Tipp.

Mit diesen Sprüchen schwächt Bublé die Banalität seiner Performance ein bisschen ab. Den besten Moment des Konzerts erlebt ein 16-Jähriger, der auf Drängen seines Vaters hin mit Michael Bublé ein Duett singt. Natürlich ist es „Fly me to the moon“, glücklicherweise singt der Bursch auch richtig gut. „I’m done here“, scherzt Bublé, gegen solche Konkurrenz könne er nicht gewinnen. Ob der mutige Sänger ebenfalls ein Star wird oder doch in einer Hotelbar endet, wird sich zeigen. Immerhin ist sich Michael Bublé bewusst, dass es auch für ihn hätte anders ausgehen können.

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