Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 09.10.2019


Musik

Cher in Wien: Sag ruhig Diva zu ihr

US-Superstar Cher zog am Montag in der Wiener Stadthalle alle Register. Ihre aktuelle „Vielleicht-Abschiedstour“ ist ein Hitfeuerwerk mit kleinen ABBA-Ausflügen und funkelnden Pophymnen.

Cher hatte zum Schluss noch große Hits auf Lager: Die Zuschauer feierten „Believe“, als wäre die Stadthalle ein Club um drei Uhr Früh.

© imago images/Stefan M PragerCher hatte zum Schluss noch große Hits auf Lager: Die Zuschauer feierten „Believe“, als wäre die Stadthalle ein Club um drei Uhr Früh.



Von Barbara Wohlsein

Wien – Konzert ist eigentlich ein viel zu banaler Begriff für das, was Cher mit ihrer „Here we go again“-Tournee auf die Bühne bringt. Show trifft es schon besser, man könnte es angesichts der opulenten Ausstattung und Tanzeinlagen durchaus auch eine Revue nennen. Hardcore-Fans würden es wahrscheinlich als Audienz bei der wahren Königin des Pop bezeichnen. Und auch wenn dieser Begriff zunehmend inflationär verwendet wird, muss man sagen: Sogar das stimmt.

Wenige Tage nach ihrem Auftritt in München war Cher am Montag in Wien zu Gast. Dass die Stadthalle für so ein Spektakel komplett bestuhlt wurde, wirkt auf den ersten Blick unpassend. Chers „Best of“ sitzend beklatschen? Unmöglich. Im Laufe des Abends entwickelt sich aber eine Choreografie, die gut funktioniert: Ist Cher auf der Bühne, stehen alle auf, singen, tanzen, feiern. In den Umziehphasen – diverse Outfits und Perücken brauchen ihre Zeit – setzt man sich und lässt sich von den durchaus kreativen, manchmal ein bisschen übertriebenen Showeinlagen (hat jemand nach einem Papp-Elefanten und indischen Mantras gefragt?) berieseln, die Chers Tänzer und Musiker zu bieten haben.

Pop-Chamäleon, Filmstar, Schwulenikone – das Leben von Cherilyn Sarkisian, wie sie gebürtig heißt, könnte mehrere Bücher füllen. So präsentiert sie sich auch auf der Bühne: als Frau, der nichts geschenkt wurde, aber die es trotzdem geschafft hat. Darüber, dass ihr an ihrem 40. Geburtstag gesagt wurde, dass sie für die Rolle in „Die Hexen von Eastwick“ zu alt sei, kann sie mittlerweile nur lachen. Schließlich ging ihre Karriere danach erst richtig los. Heute, mit 73 Jahren, kann sie auf 200 Millionen verkaufte Platten, einen Oscar, Grammys, Emmys und einen ganz besonderen Rekord zurückblicken: Cher hat es geschafft, sechs Jahrzehnte lang immer mindestens einen Nummer-eins-Hit in den amerikanischen Charts zu platzieren. „Und was macht eure Großmutter heute Abend?“, fragt sie keck in ihrem hautengen Glitzerbody und hakt damit die leidige Altersfrage endgültig ab.

Die 90-minütige Show, mit der sie derzeit um die Welt tourt, ist eine knallbunte Reise durch das „Cheriversum“: Los geht es mit der Partynummer „Woman’s World“, die daran erinnert, dass es tatsächlich Cher war, die den heute so beliebten Autotune-Effekt populär gemacht hat. Ob sich Yung Hurn schon bei ihr bedankt hat? Bei den alten Hits aus der „Sonny and Cher“-Zeit dürfen die Soundeffekte ruhen und auch die ABBA-Hits im Mittelteil singt sie souverän mit ihrer kräftigen, unverwechselbaren Stimme. Ihr letztes Album „Dancing Queen“ ist 2018 aus ihrer Gastrolle im Kinofilm „Mamma Mia! Here we go again“ entstanden. Und nach dem Live-Triple „Waterloo“, „SOS“ und „Fernando“ müssen auch anwesende Skeptiker eingestehen: ABBA und Cher, das passt, das funktioniert.

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Mit „Walking in Memphis“ und „The Shoop Shoop Song“ rundet sie den Reigen ihrer größten Hits elegant ab. „If I Could Turn Back Time“ versprüht dann kurz etwas Wehmut. Doch zu viel Nachdenklichkeit steht einer Ikone wie Cher nicht zu Gesicht, und so feiern die 11.000 Zuschauer die einzig wahre Zugabe „Believe“, als wäre die Stadthalle ein Club um drei Uhr Früh. Mit dem kleinen Unterschied, dass (zumindest die meisten) am nächsten Tag zwar mit einem Lächeln, aber ohne Kater aufwachen.