Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 31.10.2019


Musik

Neues Album von Faber: Ein Punker im Gucci-Anzug

Zynische Abrechnung eines Millennials: Faber veröffentlicht mit „I Fucking Love My Life“ sein zweites Album. Wieder lohnt es sich, hinzuhören.

Der Schweizer Julian Pollina legt als Faber sein zweites Album vor; eine Platte voller Kritik und Selbstreflexion.

© Peter KaadenDer Schweizer Julian Pollina legt als Faber sein zweites Album vor; eine Platte voller Kritik und Selbstreflexion.



Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Im Herzen ist er ein Punk. Denn Faber ist hauptberuflich sauer. Sauer auf die Profitgier, die soziale Ungerechtigkeit, den Rechtsruck. Und Faber alias Julian Pollina singt in seiner neuen Musik wieder dagegen an – in der Sprache der Millennials.

Und die ist auf seinem Album, das morgen offiziell erscheint, so schön drastisch, wie Kritiker sie schon auf seinem Debüt „Sei ein Faber im Wind“ (2017) lobten. Fabers aktueller Nachfolger mit dem programmatisch-zynischen Titel „I Fucking Love My Life“ ist eine konsequente Weiterführung seines Erstlings – auch weil Faber wieder das macht, was den Fans gefällt.

Viel ist also gleich (gut) geblieben beim jungen Schweizer Songwriter, der aus guter Musikerfamilie kommt: Als Sohn des italienischen Cant­autore Pippo Pollina wurde ihm die Musik quasi in die Wiege gelegt. Ebenso wie eine kritische Haltung.

Als Vorgeschmack auf sein neues Werk hat Faber im Sommer gleich auch die wohl polarisierendste Single des neuen Longplayers ausgekoppelt: In „Das Boot ist voll“ singt er vom Strand aus in beeindruckender, sich gesanglich verausgabender Geste von der Renaissance düsterer Zeiten. Mit dem Wiederkäuen menschenverachtender Aussagen („Das mit den Juden, das muss man erst beweisen“) geht er gegen die Zweifler selbst vor, sprachlich in ebenso brutaler Manier: „Besorgter Bürger, ja ich besorg’s dir auch gleich.“ „Das Boot ist voll“ ist eine düstere Hymne ohne Percussion, dennoch eine hart aufschlagende Kampfansage gegen den Rechtspopulismus.

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Zwischen den Rollen hin- und herzuswitchen macht Pollina Spaß. Der 24-Jährige spielt damit, dass Hörer seine unzähligen Ichs nicht mehr auseinanderhalten können – oder nicht wollen. Dabei macht er auch vor sich selbst nicht Halt: Im Opener „Highlight“ gibt er den Abgehobenen („Ich hab’ alte Freunde gegen falsche ausgetauscht“), der müde resignieren muss: „Ich hab’ mehr Highlight im Gesicht als im Leben.“ Einen abgewrackten Star mimt der Musiker auch bildlich, vollgeschwitzt im weißen Gucci-Anzug, auf dem Cover der LP.

Im Song „Top“ wird er dann kurzerhand zum ordinären Rapper („Ich schau dich an und du siehst top aus. Baby, schau mich an und zieh dein Top aus. Mach’s wie mit einem Lollipop, dann kauf ich dir was Schönes wie bei Topshop.“); schwenkt dann aber um und fragt ebendiese Rapper nach der Herkunft ihrer neuen Sneakers und ob sie denn meinten, dass Kinderhände eigentlich besser arbeiten. Das tut dem Zuhörer weh, ebenso schlucken muss er auch bei der Frage: „Wenn ich trage, was der Teufel trägt, wird das dann auch in der Hölle genäht?“ Perfekt wird das groteske Rollenspiel mit dem dahinwippenden Offbeat der Goran Koc y Vocalist Orkestar Band, mit der Faber bereits seit Jahren zusammenarbeitet. Auf „I Fucking Love My Life“ klingt die Backingband mal poppig, mal dem Afrobeat hinterher, mal klassisch – immer nach Faber.

Besonders intensiv ist Pollinas Erstling auf Schwiizerdütsch. „Heiligabig ich bin bsoffe“ rechnet mit der Zweisamkeit ab, mit seiner Heimat Zürich hat Faber in „Jung und dumm“ wenigstens musikalisch schon abgeschlossen. „Zürich brennt nicht mehr“, grölt der Sänger da. Wie lange er das noch kann? Man weiß es nicht. Faber aber brennt noch. Und wie!

Pop/Folk Faber: I Fucking Love My Life. Universal Music.




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