Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 01.11.2019


Staatskapelle Dresden

Drei Symphonien im Meisterkonzert: Mozarts rebellisches Temperament

Philippe Herreweghe und die Sächsische Staatskapelle mit den drei letzten Mozart-Symphonien im Meisterkonzert.

Die Sächsische Staatskapelle Dresden folgte Philippe Herreweghes Imagination eines musikalisch gespiegelten Menschenlebens in Mozarts freimaurerischer Überzeugung von Freiheit, Toleranz und Humanität.

© SchramekDie Sächsische Staatskapelle Dresden folgte Philippe Herreweghes Imagination eines musikalisch gespiegelten Menschenlebens in Mozarts freimaurerischer Überzeugung von Freiheit, Toleranz und Humanität.



Von Ursula Strohal

Innsbruck – Das Projekt ist nicht neu und erstaunlich, dass sich bedeutende Dirigenten immer wieder darin verfangen. Doch der inhaltlich enge Zusammenschluss von Mozarts drei letzten Symphonien bleibt Spekulation, solange die historischen Fakten fehlen und Mozarts Geistesblitze und Analogien (etwa in der Tonarten-Charakteristik) zu Indizien erhoben werden. Dass die Symphonien – Nr. 39 in Es-Dur, Nr. 40 in g-Moll und Nr. 41 in C-Dur „Jupiter“ – die Sicht auf zusammenfassende Merkmale erlauben, wird schon lange diskutiert, ebenso stehen sie aber als Einzelhöhepunkte da.

1788 hatte sich Mozart schon länger von gesellschaftlicher Verbindlichkeit entfernt und war (auch Spekulation) vielleicht deshalb in schweren finanziellen Nöten. In einem Brief kündigte Mozart Akademien an, für die er wohl in kürzester Zeit wieder eben jene drei Symphonien verfasste. Ob die Konzerte stattgefunden haben, ist nicht belegt.

Dass Werkgruppen häufig Beziehungen aufweisen, ist bei Bach, Händel, Haydn usw. vielfach belegt und auch für Mozarts drei letzte Symphonien. Nachdem sich bereits Gardiner, Immerseel, Jacobs u. a. mit dem Thema befasst hatten, wurde es von Nikolaus Harnoncourt hochgekocht mit der formalgeschichtlich seltsamen Idee eines Instrumental-Oratoriums.

So weit geht Philippe Herreweghe nicht. Er lässt die Symphonien nicht verschmelzen, gibt ihnen aber vor der Interpretation eines Menschenlebens im Sinne der Freimaurerei demonstrativ verbindende Züge.

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Er hat die Symphonien bereits 2013 eingespielt, war mit dem Projekt auf Tournee und stellt es jetzt wieder vor, mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Die ließ sich im Innsbrucker Meisterkonzert am Mittwoch voll ein auf Herreweghes zwar tänzerisch federndes, insgesamt aber schroffes Musizieren. Dass er dynamisch nicht allzu sehr variiert, können tänzerische Bewegtheit und zügige Tempi oft überspielen.

Die Artikulation, auch die Feinarbeit in den langsamen Sätzen, bringt er aus der historischen Aufführungspraxis mit, die Streicher agieren überwiegend ohne Vibrato.

Die berühmte Überleitung vom einleitenden Adagio in die Es-Dur-Symphonie gelingt nicht so zwingend, wie sie ist, folgende Wechsel ins fast schon Beethoven-­nah Dramatische sprechen überzeugender von einem rebellischen, leichtfüßig wirbelnden Temperament Mozarts. Die Dresdner entschlüsseln Herrewe­ghes Handschrift gekonnt, dürfen im „Jupiter“-Andante-cantabile Klang und Duft verströmen und steigern sich enorm mit Wahrheit statt Schönmalerei in diese letzte grandiose Symphonie Mozarts.